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Beitrag von Sven Geitmann

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29. September 2023

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Titelbild: WMF-Innovation-Day-2023

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Bildquelle: WMF-Innovation-Day
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KlimaneutralitÀt als Wettbewerbsvorteil

Wettbewerbsfaktoren für den Mittelstand

Ohne den Einsatz von technologischen Entwicklungen ist an einen Erfolg der Klima- und Energiewende nicht zu denken. Ökologie und Ökonomie gehören dabei zusammen, denn die Unternehmen wollen decarbonsieren, ihre Lieferketten CO2-frei machen, regenerative Energie selbst erzeugen und auch nutzen. Sie wollen – im besten Fall – den Kunden wie auch den Konsumenten Produkte an die Hand geben, die klimaneutral erzeugt wurden und ein gutes Gewissen erzeugen. Gleichzeitig muss man damit auch Geld verdienen können. Wie dies gehen kann, darüber diskutierten die Teilnehmenden des 4. Weltmarktführer Innovation Days, der am 13. Und 14. September 2023 in Erlangen stattgefunden hat.

Bei diesem von der WirtschaftsWoche organisierten Event zum Thema Innovationen wurde unter anderem ein ganzes Themenspektrum rund um Wasserstoff aufgezeigt. Es ging vor allem darum, wie die Klima- und Energiewende pragmatisch und ökonomisch zu bewerkstelligen sein kann, wenn Innovationen, der Mittelstand, innovative Großunternehmen, Start-Ups und die Politik Hand in Hand geht.

Derzeit ist es noch so, dass die Regulatorik und die Parteienpolitik wie auch überbordende Einflüsse von Ministerien/Behörden mit ihrer Regelwut in Deutschland sowie der EU vielen guten Entwicklungen im Wege stehen. Der Begriff „Bürokratieabbau“ fand sich dementsprechend in fast allen Talkrunden und Unternehmenspräsentation als vorrangiger Wunsch wieder.

Inhaltlich ging es um die Transformation der Energiewirtschaft, um Systemintegration sowie Netzstabilisierung, um Klimaneutralität als Wettbewerbsvorteil und eben auch um die Wunderwaffe Wasserstoff. Und um die begleitenden Fragen: Wie agieren unsere Weltmarktführer im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Profitabilität? Welche neuen Geschäftsmodelle entwickeln sich an dieser Schnittstelle? Welche Rolle spielt Wasserstoff im Energiemix der Zukunft?

Klar ist dabei der Energiepreis ein sehr wichtiger Standortfaktor. Viele energieintensive Unternehmen müssen sich derzeit an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen und manches wird perspektivisch den Standort Deutschland gerade deswegen sogar verlassen, da man nicht mehr international wettbewerbsfähig ist. Da nützt es auch gar nichts, dass es Ausnahmen über einen subventionierten Strompreis geben soll. Der Strompreis muss gesamt massiv runter, was angesichts des Ausstieges aus der Kernenergie und auch der Kohlekraft sehr theoretisch klingt.

Die Annahme, dass sich Deutschland regenerativ selbst versorgen könne, wirkt weltfremd angesichts dessen, dass der Strombedarf gesamt massiv steigen wird. Und dass da neue deutschlandweite Stromtrassen – unter Tage, im Boden verlegt – kommen, wirkt für einige Menschen verstörend, da man 40 Meter breite Korridore in Wälder schlagen wird. Das kostet circa sechs mal mehr, als wenn man über aufgehängte Stromtrassen geht, die zudem noch im Störfall viel einfacher – in Sekunden – lokalisiert werden können. Den grünen Strom wird man wie mit fossilen Energieträgern zu über 70 Prozent importieren – über Moleküle (Wasserstoff).

Da stellt sich für die Industrie und den Mittelstand in Sachen Klimawandel die Frage, ob die für die Umsetzung notwendigen Technologien aus Deutschland kommen werden und damit Auswirkungen auf das Weltgeschehen haben. Eine bislang noch mangelhafte Digitalisierung und eine aufgeblasene Bürokratie lassen viele notwendige Entwicklungen verlangsamen wenn nicht sogar scheitern. Da stellt sich für viele Teilnehmer die Frage, warum Deutschland Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke abstellt, ohne einen Ersatz (Grundlast) zu haben. Müsste man nicht – wie jeder Unternehmer denken sollte – erst das Eine tun bevor man das Andere macht?

Welcher Unternehmer verschrottet eine Maschine, wenn er nicht schon parallel/vorher für Ersatz gesorgt hat? Wer stellt als Unternehmer eine Anlage ab, ohne parallel eine neue angeschlossen zu haben? Der Transport von Windturbinen kann Monate dauern, bis alle Formalien erfüllt sind.

Leider hat das förderale System auch Nachteile, wenn jedes Bundesland und manche Behörde/Ministerium – in meinen Worten – das Rad selbst erfinden will, während besser eine Koordination notwendig ist, um zügig Ergebnisse zu erzielen.

13 Mio. Menschen gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. Kann sich Deutschland diesen Abgang überhaupt leisten? Da wird von H2-Beschleunigungsgesetzten gesprochen – aber kommt das auch wirklich?

Warum muss es eine Flut von Gutachten geben? Warum werden Entscheidungen (Genehmigungen u.a.) auf lokaler Ebene in den Gemeinden getroffen, statt an den sinnvolleren Stellen in der Verwaltung auf Landes- und Bundesebene? Da kommt große Skepsis auf, wenn sich etwas nicht marktwirtschaftlich regeln lässt und oftmals (Politik) ein Inseldenken auszumachen ist.

Es geht um Mut und Konsequenz, andere Wege einzuschlagen. Da wird es auch Verlierer geben, die sich nicht anpassen bzw. ändern wollen oder mit den neuen Herausforderungen nicht klarkommen. Die Politik muss sich die Frage gefallen lassen, welche Teile der Wertschöpfungskette sinnvoll gefördert werden muss/sollte. Und da ist Kritik im Raum: Wenn über die Verteilung staatlicher Gelder von Leuten entschieden wird, die keine (nicht wirklich) Ahnung haben. Warum meint die Politik für alles und nichts die richtige Antwort zu haben und die Deutungshoheit zu besitzen?

Zahlreiche Vorträge und Talkrunden prägte der Begriff Nachhaltigkeit. Daniel Schmid, Chief Sustainablity Officer von SAP, sah es als zielführender an, wenn nicht Papier bedruckt wird (Nachhaltigkeitsberichte), sondern konkrete Geschäftsstrategien darauf aufbauen. Bei SAP setzt man dabei auf Softwarelösungen, die u.a. Lieferketten perfekt analysieren, den CO2-Abdruck von Produktionsprozessen abbilden oder Zertifizierungen stattfinden, wie die Farben beim Wasserstoff. Der IT-Konzern KOMSA will die eingesetzte IT – vom Handy bis zum Laptop – nachhaltig zum Einsatz bringen, d.h. Altgeräte zurücknehmen und zu neuem Einsatz führen. Bei der Produktion von grünem Stahl stellt sich die Frage, ob der Wasserstoff via Elektrolyse vor Ort produziert werden soll oder eher dort, wo es so viel mehr Sinn ergibt. Welcher Teil der Wertschöpfung sollte an welcher Stelle nachhaltig geschaffen werden?

Keine Energiewende ohne die notwendigen Speicherkapazitäten, so Lisa Reehten, Mitglied der Geschäftsführung von Bosch Climate Solutions GmbH. Da muss an alles gedacht werden, auch an Biomethan sowie diverse Power-to-X-Ansätze. Die Netze müssen dem steigenden Bedarf angepasst werden – und zwar sehr schnell, so Tim Meyerjürgens, COO von TenneT Holding. Und da muss man reinschauen können. Stichwort: Digitalisierung, um den Strom so effizient wie möglich zum Einsatz zu bringen.

Der Netzausbau (Verteil- und Übertragungsnetze) müsste „physisch“ viel schneller gehen. Da ist die Regulatorik oft im Wege (Genehmigungsverfahren). Manches – Notfallverordnung – beruht dabei auf veralteten Gesetzen. Die ganze Energiesystem-Modellierung müsste neu aufgestellt werden. Zudem stellen sich Finanzierungsfragen – wer zahlt all das? Und auch versicherungstechnische Aspekte fließen da ein wie beispielsweise Risikoeinschätzung bei Naturkatastrophen.

Wasserstoff in der Welt

Die UNIDO (United Nations Industrial Development) sieht weltweit große Potentiale für den Wasserstoff, der sehr ökonomisch produziert werden kann und viele Ländern in die Lage versetzt, energieautark zu werden oder neue Märkte für sich zu erschließen, so Gunther Beger, Managing Director UNIDO, SDG Innovation Transformation. Allein Afrika hat das Potential, 10.000 GW an erneuerbaren Energien (Solar, Wind, Wasserkraft, Geothermie) zu schaffen. Das ist 20fache mehr als alle Kernkraftwerke der Welt an Leistung bringen. Es werden dort aktuell indes – leider – über 100 Kohlekraftwerke gebaut, zumal nur jeder zweite Haushalt in Afrika Zugang zu Strom hat. Über den Themenkomplex Wasserstoff ließe sich Afrika nicht nur decarbonisieren, sondern auch industrialisieren. Dazu bedarf es Investitionssicherheit, Anreize, Best-Practice-Beispiele, Standards und Normen sowie Koordination.

Mein Fazit: Veränderungen gehen von allen aus – Vorreiter ist dabei oft der Mittelstand. Es wird bislang – Stichwort Regulatorik – zu kleinteilig und zu kompliziert gedacht. Die Komplexität verschlingt nicht nur viel Kapital, sondern auch mögliche Erträge/Gewinne/Margen. Über-Regulatorik führt sogar dazu, dass technologische Entwicklungen in anderen Teilen der Welt eher kommen und dort schneller Realität werden als in Deutschland oder der EU. Dem Klima ist es egal, ob Klimaschutz umgesetzt wird, wenn denn der CO2-Abdruck in der Atmosphäre nicht weiter verringert wird.

Ein Land wie Deutschland muss und sollte „grüne Technologien“ in die Welt exportieren. Es muss immer auch an Wirtschaft und Wirtschaftlichkeit gedacht werden, denn die Verlagerung von Produktionsstätten (aufgrund schlechter Rahmenbedingungen, zu hoher Energiepreise, Facharbeitermangel u.a.) verändert das Klima nicht, sondern verschiebt den CO2-Abdruck nur. Die notwendigen Technologien sind bereits vorhanden.

 

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