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Beitrag von Sven Geitmann

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22. Juli 2023

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Was ist passiert?

Liebe Leserinnen und Leser!

Hinter uns liegt eine außergewöhnliche Zeit mit diversen Krisen: Pandemie, Krieg, Klimakatastrophe, Energieknappheit, Inflation usw. Auch wenn die akute Phase der Pandemie vorbei ist, dauern andere Krisen noch an und werden uns voraussichtlich auch noch weiter begleiten.

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Dennoch hat sich inzwischen so einiges zurechtgeruckelt. Die Inflation steigt immerhin nicht weiter an und die Gasmangellage wurde vorerst gemeistert. Auch der von einigen prophezeite Black-out nach der Abschaltung der drei letzten verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland ist nicht eingetreten. Stattdessen gibt es hierzulande so viel erneuerbare Energien wie nie zuvor – insbesondere im Stromsektor.

Eine gute Gelegenheit, um mal durchzuschnaufen und Zwischenbilanz zu ziehen: Wo stehen wir heute? Wie kommt die Energiewende voran? Was wurde bislang bei der H2– und BZ-Technik erreicht?

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Ich beschäftige mich seit 1997 mit Wasserstoff und Brennstoffzellen. Damals war dieses Thema eine klitzekleine Nische. Brennstoffzellen schienen interessant, weil sie nur heiße Luft – also Wasserdampf – emittieren und keinerlei schädliche Kohlenstoffverbindungen. Es gab kaum Literatur darüber, lediglich ein paar Forschungsaktivitäten und Demonstrationsprojekte. Themenbezogene Förderprogramme waren Fehlanzeige.

Einige Autohersteller experimentierten „schon“ in den 1990er-Jahren mit Metallhydridspeichern für BZ-Pkw, andere mit Flüssigwasserstoff. Zur Jahrtausendwende starteten dann zwar erste H2– und BZ-Messen und -Kongresse, verschwanden aber teilweise auch bald wieder.

Optimistische Entwickler kündigten damals freudig an, dass 2004 wasserstoffbetriebene Fahrzeuge auf die Straße kommen würden und brennstoffzellenbetriebene Heizgeräte in die Keller. Statt Serienfertigung folgten jedoch Vertröstungen auf 2007, 2010, 2014 und 2017. H2-Hype folgte auf H2-Hype, aber vom Markt keine Spur.

Zeitweise wurde die Brennstoffzelle schon zu Grabe getragen – zumindest in den Medien. Etliche Einsatzgebiete, die damals in Erwägung gezogen wurden, scheiterten. So die brennstoffzellenbetriebene Filmkamera oder das BZ-Lastenfahrrad.

Neue Bewegung kam erst ins Spiel, als in den 2010er-Jahren Wasserstoff als Speichermedium für erneuerbare Energien in Erwägung gezogen wurde. Bis dahin hatte es immer geheißen: Energiespeicher brauchen wir nicht. Erst als der Gedanke der Sektorenkopplung aufkam, zeichnete sich allmählich ab, dass Wasserstoff dafür ein geeignetes Medium sein könnte.

In dieser Zeit kamen Schlagworte wie Power-to-Gas, Dekarbonisierung und Elektrifizierung auf. Die Brennstoffzelle geriet nach und nach aus dem Fokus, aber dafür richteten sich immer mehr Blicke auf Wasserstoff.

Dennoch vergingen noch etliche Jahre, in denen die viel beschworene Energiewende nicht wirklich vorankam. Es bedurfte erst Ereignissen wie Fukushima, Dieselskandal, Feinstaubdebatte und Gründung von Fridays for Future, bis auch den politischen Entscheidungsträgern klar wurde, dass es ohne Wasserstoff nicht gehen wird.

Was dann folgte, waren der European Green Deal sowie zahlreiche nationale Wasserstoffstrategien in vielen Ländern dieser Welt. Erste große Wirtschafts- und Industrieunternehmen begannen ihre Strategie zu ändern und wandten sich – zumindest stückweise – von den fossilen Energiestrukturen ab.

Es zeigte sich – entgegen vielfachen vorherigen Unkenrufen – immer deutlicher, dass Solar- und Windstrom zusammen mit geeigneten Energiespeichern das Potential haben, nicht nur den Stromsektor zu defossilisieren, sondern auch andere Energiesektoren.

Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist offensichtlich, dass die Zeiten günstiger fossiler Energien endgültig vorbei sind – was gleich in mehrfacher Hinsicht positiv ist. Denn hohe Preise für Gas, Öl und Kohle, die aufgrund der wachsenden Kosten für CO2-Zertifikate immer weiter steigen dürften, reduzieren nicht nur den Energieverbrauch, sie erzwingen förmlich einen Wechsel zu mehr Dezentralität sowie mehr Unabhängigkeit.

Aber wo stehen wir jetzt?

Heute haben wir fast schon ein Überangebot an H2-Messen und -Kongressen – weltweit. Wir haben Investitionszusagen in Milliardenhöhe von Großkonzernen. Wir haben politische Strategien für den Aufbau eines europaweiten H2-Backbones, um erneuerbare Energien in Form von H2-Gas über den Kontinent verteilen zu können.

Wir haben aber auch Millionen von Bürgerinnen und Bürgern, die stark verunsichert sind und Angst vor der Zukunft haben. Viele können sich weder Wärmepumpen noch Elektroautos leisten. Die Unmutsäußerungen dieser Menschen sind gleichzeitig laut und nachvollziehbar. Deswegen ist es heute umso wichtiger, die Energiewende, ebenso wie die H2– und BZ-Technik, verständlich zu erklären.

Wir stehen am Anfang eines gigantischen Transformationsprozesses, der viel von uns allen abverlangt. Gleichzeitig birgt dieser Prozess ein immenses Entwicklungs- und Erneuerungspotential. Deswegen ist es von zentraler Bedeutung, mehr über Chancen und weniger über Probleme zu reden.

Ich bin absolut sicher, dass dieser Wandlungsprozess ohne wesentlichen Wohlstandsverlust möglich ist. Wir können zeigen, wie neue Arbeitsplätze geschaffen, wie nachhaltige Umweltstandards gesetzt, wie Ressourcen geschont und gleichzeitig der Lebensstandard zumindest beibehalten, wenn nicht sogar verbessert werden kann – und zwar weltweit.

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir nicht alles dem freien Markt überlassen, sondern passende Rahmenbedingungen schaffen, die ausreichend Gestaltungsfreiraum, aber auch Planungssicherheit bieten und vor allem eines sind: generationengerecht.

Herzlichst

Sven Geitmann

HZwei-Herausgeber

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