GlaubwĂŒrdigkeitsproblem

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11. April 2011

GlaubwĂŒrdigkeitsproblem

Es ist wirklich vertrackt mit dem Vertrauen. Ist es einmal missbraucht worden, dann kann es passieren, dass es fĂŒr immer verloren ist oder nur unter sehr großen Anstrengungen wiedererlangt werden kann. Ähnlich ist es mit dem Glauben. Man glaubt an das, was man fĂŒr richtig hĂ€lt. Wenn man jedoch immer wieder nachgewiesen bekommt, dass diese angeblichen Wahrheiten, an denen man vielleicht schon lange Zeit festgehalten hat, falsch waren, dann weiß man schlussendlich nicht mehr, woran man glauben soll.
Dieses PhĂ€nomen lĂ€sst sich derzeit gleich mehrfach beobachten. Es ist ja nicht so, dass die GlĂ€ubigen nur der Kirche den RĂŒcken kehren. Neben der Religion, die bisher traditionsgemĂ€ĂŸ fĂŒr Glaubensfragen zustĂ€ndig war, hat die aktuelle Glaubenskrise innerhalb von wenigen Monaten auch etliche andere Bereiche infiziert. Ganze Nationen finden inzwischen immer weniger GlĂ€ubiger, weil das Vertrauen in die Finanzkraft dieser LĂ€nder zunehmend schwindet. Der Vertrauensverlust in die Wirtschaft drĂ€ngt auf diese Weise immer mehr langjĂ€hrige AktienanhĂ€nger zu den vermeintlich sichereren Goldanlagen.
Den Politikern vertraut ohnehin schon seit Jahren kaum noch jemand. Kein Wunder. Erst heißt es, man werde sich an Taten messen lassen. Dann lĂ€uft es nicht so wie von den Verantwortlichen geplant, dies wird auch öffentlich festgestellt, aber passieren tut nichts. Erst ein Ehrenwort hier, dann der Nachweis des Gegenteils dort. Erst heißt es, ohne Kernkraftwerke ginge in Deutschland das Licht aus. Dann wird quasi ĂŒber Nacht ein halbes Dutzend Atomkraftwerke heruntergefahren, ohne dass eine Lampe flackert.
Erst heißt es, mit Batteriefahrzeugen sei rein physikalisch keine grĂ¶ĂŸere Reichweite als 150 Kilometer realisierbar. Dann kommt ein Jungspund, lĂ€sst hunderte von Experten dumm dastehen, und plötzlich sagen alle, aber selbstverstĂ€ndlich könne man mit einer 100-kW-Batterie 600 km weit fahren.
Das GlaubwĂŒrdigkeitsproblem hat somit inzwischen auch die Bereiche Wissenschaft und Forschung erreicht. Dies sind die Bereiche, von denen man bisher dachte, hier zĂ€hlen nur knallharte Fakten. Plötzlich mĂŒssen nun aber auch die Naturwissenschaften infrage gestellt werden. Damit bleibt dann bald gar kein Gebiet mehr ĂŒbrig, wo man noch an irgendetwas glauben könnte. Dann muss man auch bald daran zweifeln, was bei zwei plus zwei tatsĂ€chlich herauskommt.
Ich selbst habe als Ingenieur bisher immer zumindest ein StĂŒck weit an die Aussagen der Automobilhersteller geglaubt, dass die Brennstoffzellentechnik fĂŒr den Einsatz im Pkw tatsĂ€chlich noch nicht ganz reif ist, dass noch zu viel Platin erforderlich ist, dass deswegen die Stacks zu teuer sind, dass die Lebensdauerfrage noch nicht hinreichend geklĂ€rt ist. Jetzt frage ich mich aber gerade, ob diese BegrĂŒndungen tatsĂ€chlich glaubhaft sind. Ganz wesentlich erscheint mir hier zudem die Frage, ob dies alles wirklich so gravierende Probleme sind, dass sie einen motivierten Menschen aufhalten können, wenn derjenige ein bestimmtes Ziel vor Augen hat.
Bisher habe ich auch den Energieversorgern immer zumindest ein StĂŒck weit geglaubt, dass der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur ohne die entsprechende Anzahl an Fahrzeugen keinen Sinn machen wĂŒrde. Jetzt ĂŒberlege ich, warum dieses so genannte Henne-Ei-Problem auch nach ĂŒber zehn Jahren immer noch nicht gelöst werden konnte. Kann allein diese Frage denjenigen, der sich etwas wirklich sehnlichst wĂŒnscht, tatsĂ€chlich an der Umsetzung seiner Idee hindern?
Meine Antwort darauf lautet: Nein! Wenn man etwas wirklich will, dann tut man alles dafĂŒr, um es zu erreichen. Eine Idee oder eine Vision kann aus kleinen Menschen wahre Helden machen. Übertragen auf die Brennstoffzellenbranche lĂ€sst sich dies an vielen kleinen Unternehmen feststellen, die – Ă€hnlich wie damals die Solarpioniere – tagtĂ€glich hohe Risiken eingehen, damit ihre Erfindungen, Entwicklungen, das, woran sie glauben, RealitĂ€t werden. Auch bei vielen Mitarbeitern der unterschiedlichsten Institutionen aus dem H2- und BZ-Sektor ist offensichtlich, wie viel Herzblut von ihnen in dem festen Glauben an eine saubere, nachhaltige Zukunft mit eingebracht wird.
Aber warum sind wir dann immer noch fĂŒnf Jahre von der MarkteinfĂŒhrung der Brennstoffzelle im Kfz- und Hausenergiebereich entfernt? Haben wir denn nicht eine ganz tolle Agentur gegrĂŒndet, was zwar zugegebenermaßen ziemlich lange gedauert hat, was aber unabdingbar war, damit die bĂŒrokratische HĂŒrde bei der Antragstellung nicht zu klein wird und die nachgeschaltete Bewilligungsbehörde sich nicht ĂŒbergangen fĂŒhlt? Haben wir denn nicht schon ganz viele Steuergelder an die Großunternehmen ausgeschĂŒttet, damit diese ihre eigenen Entwicklungskosten bezahlen können und somit ihre Milliardengewinne nicht schmĂ€lern mĂŒssen, damit sie auch ja nicht ins Ausland abwandern? Haben wir denn nicht schon ganz viel fĂŒr die Grundlagenforschung getan, was auch gut und richtig war und auf jeden Fall noch lange so weitergefĂŒhrt werden sollte? Haben wir denn nicht immer wieder mit Politikern gesprochen, die vielleicht zwar als erstes an die nĂ€chste Wahl denken, aber dann doch bestimmt gleich an zweiter Stelle an Brennstoffzellen glauben? Haben wir denn nicht schon ganz viele BĂŒrger ĂŒber die Vorteile der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnik informiert, ohne dass wir etwas dafĂŒr können, dass die nicht zuhören, immer gleich wieder alles vergessen und zudem behaupten, das Gleiche hĂ€tten wir vor fĂŒnf Jahren auch schon erzĂ€hlt?
Tja, nach menschlichem Ermessen kann man wohl wirklich nicht noch mehr tun.
Machen wir dann also einfach weiter wie bisher? Vielleicht. Vielleicht sollten wir einfach weiterhin darauf vertrauen, dass letztlich alles gut wird. Wenn wir nur fest genug daran glauben, dann sind die AnkĂŒndigungen dieses Mal bestimmt alle korrekt. Sicherlich. Hoffentlich. Aber was ist, wenn nicht?
Herzlichst, Sven Geitmann
PS: Nur als kleiner Nachsatz: Könnte sein, dass sich das H2Mobility-Vorhaben mit den 1.000 Wasserstofftankstellen ab 2015 um ein oder zwei Jahre verzögert. Ist aber keine böse Absicht.

Quellenangabe:

Wasserstoff ist ein Megatrend

Das Thema Wasserstoff hat es in den vergangenen Jahren aus der Nische auf die große politische BĂŒhne geschafft. Nicht nur in...

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5 Kommentare

  1. A. Birnbaum

    Wir sind uns doch einig in der Frage, wer in Deutschland (und eigentlich in allen entwickelten Industriestaaten) der Koch und die Kellner sind.
    Die Köche sind die großen DAX-Konzerne und Banken und ihre Kellner die jeweils ausfĂŒhrenden Parteien bzw. die durch sie gestellten Regierungen.
    In Sachen MobilitĂ€t hĂ€ngen an an den jetzigen “mechanischen” MobilitĂ€tsprodukten (Auto, LKW etc.) ja nicht nur die eigentlichen Produzenten also 3 der grĂ¶ĂŸten DAX-Konzerne, sondern auch eine große meist mittelstĂ€ndische Zulieferindustrie.
    Dieses riesige Konglomerat hat als Produktionsbasis Fertigungsmittel in Höhe von mehreren 100 Milliarden Euro stehen.
    Kein Manager will also, obwohl er anders reden, in Wirklichkeit vom Verbrennungsmotor weg.
    Und der Grund steht im gerade erschienenen Abschlussbericht des BMI zur Rolle der Systemarchitektur kĂŒnftiger Elektroautos:
    „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Markt fĂŒr Autos mit Verbrennungsmotor einbrechen wird, sobald Elektrofahrzeuge mit genĂŒgender Reichweite, ZuverlĂ€ssigkeit und FunktionalitĂ€t in hinreichender Modellvielfalt zur VerfĂŒgung stehen.
    Die VerĂ€nderungen wĂ€ren Ă€hnlich gravierend wie bei der Ablösung mechanischer durch elektronische Kameras.”
    Also werden sich alle „Kellner“ in Deutschland MĂŒhe geben, die WĂŒnsche ihrer Köche zu erfĂŒllen und seien sie noch so kurzsichtig und auf lange Frist zerstörerisch.
    Gruss A.Birnbaum
    P.S.Kann sich noch jemand an die deutschen WeltmarktfĂŒhrer mechanischer Kameras erinnern ??

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  2. Hubertus Hillebrandt

    Guten Tag!
    Die Geschichte mit den 1000 Tankstellen bis Zweitausend und x (x wurde jedes Jahr um den ZĂ€hler 1 erhöht) kenne ich auch aus dem Erdgas-Fahrer-Bereich. Derartige AnkĂŒndigungen sind vor allem eines: Ein Ärgernis. Und sie sind Wasser auf die MĂŒhlen der Wettbewerber, die solche AnkĂŒndigungen eher unter der Rubrik “Lachnummer” einsortieren.
    Was mir bei den BZ-Technologien nicht so recht einleuchten will: Warum will man denn unbedingt Wasserstoff tanken und auch in den Autos durch Gottes schöne Botanik karren, wenn es auch mit Erdgas geht? Die Probleme, die man sich mit der Speicherung von H2 einhandelt, wÀren gelöst, wenn man es denn auf sich nÀhme, auf die Unschuld der CO2-freien MobilitÀt zu verzichten.
    Erdgas-Fahrzeuge sind bereits lieferbar, sie sind recht zuverlĂ€ssig, sie sind im Alltagsbetrieb einsetzbar ohne nennenswerte EinschrĂ€nkungen. Ein paar unterversorgte Gebiete gibt es in D noch, monovalenter Betrieb ist dennoch fast ĂŒberall möglich, weil die Infrastruktur dafĂŒr bereits vorhanden ist mit knapp 900 aktuell vorhandenen Tankstellen. H2 wird ja nicht nur durch Elektrolyse aus Wasser gewonnen…
    Gruß
    H.Hillebrandt

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  3. Arno A. Evers

    Vielen Dank, Herr Geitmann, fuer Ihren Kommentar hier.
    Möge die Zukunft in der Tat mit uns allen sein. Ich verfolge, genau wie Sie, die AnkĂŒndigungsmentalitĂ€t der “Industrie” ebenfalls seit Jahren. Die ist ja nicht nur in Deutschland “…am Ende des Tages” leicht durchschaubar, das geht global so. Speziell bei der “geplanten” 😉 kommerziellen EinfĂŒhrung von Wasserstoff und Brennstoffzellen und seine/ihre Anwendungen.
    Nach meiner Meinung sind die “Probleme” in dieser, unserer Energiewirtschaft aber noch viel tiefgreifender. Über Jahrzehnte wurde von den EigentĂŒmern und Betreibern unserer Energie-Infrastruktur eine fast perfekte “Verschleierungs-Kampagne” ĂŒber Zahlen, Daten und Fakten derselben betrieben. Jetzt hat die Bundeskanzlerin auch noch eine Ethik Kommission zum Thema “Sichere Energieversorgung” einberufen, die bis Ende Mai ihre VorschlĂ€ge berichten soll. Dies hat mich veranlasst, an die GrĂŒnderin und alle Mitglieder/innen dieser Kommison einen Offene Brief zu schreiben, der am Dienstag, 12.04.2011 veröffentlicht wird.
    Bin gespannt auf die Reaktionen darauf, if any….
    Weiterhein frohes Schaffen!
    Es bleibt spannend. Der “point of no return…” ist bei weitem noch nicht erreicht.

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  4. Ulrich Schmidtchen

    Es ist ja nicht wahr, dass nach den Naturgesetzen mit einer Batterie der erwĂ€hnten Art keine grĂ¶ĂŸere Reichweite als 150 km möglich ist. Niemand hat das behauptet. Es handelt sich um Reichweiten, die unter ganz bestimmten normierten Bedingungen (NEDC) ermittelt worden sind. Daten unter solchen Bedingungen sind die “Jungspunde” aus Berlin bisher schuldig geblieben. Zur LangzeitstabilitĂ€t sagen sie auch nichts.
    Den Naturgesetzen kann man nach wie vor vertrauen. Fehlbar sind nur Menschen.

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  5. Hydrogeit

    Leider ist es sehr wohl wahr, dass einige Möchtegern-Techniker behauptet hatten, eine grĂ¶ĂŸere Reichweite sei nicht möglich.
    Zur LangzeitstabilitĂ€t verweise ich auf die Meldung Lithium-Polymer-Akku von DBM Energy besteht Tests. Darin heißt es:
    Hannemann erklĂ€rte gegenĂŒber HZwei: „Wir haben Zellen, die laufen seit 2005, das entspricht weit ĂŒber 5.000 Zyklen, ohne dass sie wesentliche ErmĂŒdungs- oder Alterungserscheinungen aufweisen.“

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