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Beitrag von Sven Jösting

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7. November 2023

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Titelbild: Siemens Energy - Was geht ab?

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Bildquelle: AI
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Siemens Energy | Was geht ab?

Konkursgefahr? Fehlinterpretationen? Oder künstliche Aufregung?

Was konnte ich da nicht alles lesen… und selbst in der Wirtschaftspresse standen Interpretationen, die Sachverstand vermissen lassen. Worum geht es? Siemens Energy benötigt für manchen Großauftrag Sicherheiten für die eigene Bonität gegenüber dem Kunden. Viele Unternehmen nutzen Staatsgarantien via Hermes-Bürgschaften oder ähnliche Mechanismen. Auftraggeber wollen sichergehen, dass der Dienstleister/Auftragnehmer von der Bonität her den Auftrag auch absichern kann. Da geht es um Garantien, Gewährleistungen, Sicherheit für technischen Support, Ersatzteile und vieles andere. Man bedenke: Chinesische Anbieter von Windkraftanlagen gehen sogar so weit, dass sie erst bezahlt werden, nachdem sie den Auftrag fertiggestellt und die Anlagen in Betrieb genommen haben. Die meisten Unternehmen lassen sich jedoch Anzahlungen geben, die mit der Umsetzung des jeweiligen Projektes einhergehen.

Verkauf der Indientochter an die Mutter?

Meines Erachtens ist Siemens Energy an der Börse massiv unterbewertet. Wie sehr, zeigt ein Blick auf das indische Tochterunternehmen Siemens India Ltd., an der auch die Konzernmutter Siemens beteiligt ist und an der Siemens Energy 25 Prozent hält. Hier könnte es zu einer Entflechtung kommen, die manches Bilanzrisiko vermindern hilft. Dabei wird wohl an den Verkauf dieser Beteiligung an Siemens gedacht oder den Verkauf an Unternehmenspartner in Indien. Es geht um Milliarden-Beträge. Der Anteil von Siemens Energy an Siemens India wird laut Handelsblatt vom 1. November mit über drei Mrd. US-$ an der Börse bewertet; das sind mehr als 50 Prozent der Gesamtbewertung von Siemens Energy. Krass, oder?
Man kann all das auch positiv sehen: Je mehr Sicherheiten in Form von Garantien, desto mehr Aufträge können angenommen werden – und damit wird am Ende des Tages auch Geld verdient.
Auf der anderen Seite kann Siemens Energy die Sicherheiten (Bürgschaften) selbst nicht darstellen, könnten Ratingagenturen eventuell das Bonitätsrating senken und damit zusätzliche Kosten erzeugen; höhere Zinsen zum Beispiel.
Alle Beteiligten – der Bund, Siemens und beteiligte Banken – sollten unaufgeregt daran arbeiten, die Bürgschaften darzustellen – man kann ja die Projekte einzeln bewerten, die Siemens Energy in den Büchern hält.
Windenergie: Gerade schwieriges Umfeld für alle
Die Schwierigkeiten von Siemens Gamesa mit Windkraftanlagen gelten für fast alle Hersteller in dieser Branche. Da wurden Preise und Konditionen ausgegeben, die zu Verlusten führen – sei es durch steigende Finanzierungskosten (Zinsen), Probleme mit Lieferketten, höhere Preise für Rohstoffe, Kalkulationen und anderes. Hinzu kommen technische Probleme und solche mit der Qualität. Vielleicht sollte – und muss – man da umdenken? Indexierte Preise für Windenergieanlagen und Klauseln zur Kostenanpassung? Oder Eigenproduktion von Wasserstoff? Chinesische Anbieter sitzen im Drivers Seat, weil sie wesentlich günstiger produzieren (möglicherweise aufgrund staatlicher Subventionen?) und andere Finanzierungsmodelle anbieten. Da kann man hier in Europa nur mit Restriktionen drohen oder mit Förderung locken, sofern hier produziert wird.

Mutter Siemens hat psychologisches und emotionales Eigeninteresse

Hatte Siemens Energy früher Patronatserklärungen der Mutter Siemens (hält noch circa 25,1 Prozent), so muss das Unternehmen diese nun selbst darstellen. Es geht um ein Volumen in Höhe von vorerst 15 Mrd. Euro. Nun verhält es sich aber so, dass Siemens Energy kein Kapital benötigt, um vor einem Konkurs geschützt zu werden, wie es mal bei TUI oder der Commerzbank erschien. Da hat sich der Staat direkt beteiligt und Eigenkapital eingebracht. Bei Siemens Energy geht es um reine Bürgschaften für bestehende Aufträge. Ich würde da ganz entspannt an das Thema herangehen. Mein Vorschlag: Siemens überträgt rund 25 Prozent an Siemens Energy an den Staat, erhält dafür aber den Mrd-Euro-Gegenwert erst zu einem späteren Zeitpunkt. Der Bund hat damit Sicherheiten und kann im Volumen von 15 Mrd. Euro Garantien für Projekte von Siemens Energy abgeben. Dann könnte man peu a peu das Engagement zurückführen – Siemens erhielte dann den Gegenwert der Beteiligung und der Bund könnte seine Garantien reduzieren und den 25 Prozent-Anteil von Siemens Energy an der Börse platzieren. Das wäre dann eine perfekte „Win-Win“-Situation. Und Siemens Energy kann weitere Aufträge in den ohnehin schon prall gefüllten Auftragsbestand von über 110 Mrd. Euro aufnehmen.
Fazit: Nicht bange machen lassen!

Siemens Energy ist trotz Problemen bei der Tochter Gamesa gut aufgestellt, verdient in wichtigen Bereichen Geld und kann unverändert als Wachstumsstory in Sachen regenerativer Energie und Wasserstoff in vielen Anwendungen angesehen werden. Die aktuellen Probleme werden gelöst. „Buy on bad news“ ist die einzige Schlussfolgerung, die man nach der aktuellen Sachlage abgeben kann. Eine ergänzende Idee: Siemens Energy sollte eventuell daran denken, selbst in die Produktion von Wasserstoff einzusteigen, da man ja umfassendes Know-How besitzt, unter anderem Elektrolyseure baut. Manches Projekt – Wind an Land oder auf dem Meer – wäre dann von der Rendite her anders und vor allem besser zu bewerten. Das Problem mit der Bürgschaft wird gelöst – so oder so. In diesem Fall würde die Aktie sehr schnell wieder im mittleren Bereich zwischen 13 und 15 Euro liegen – für spekulativ eingestellte Anleger auch kurzfristig eine echte Chance. Es kann allerdings auch ruckelig werden, denn die nächsten Bilanzzahlen werden in diesem Monat benannt und 4,5 Mrd. Euro Verlust (vor allem durch das Windgeschäft) gelten für das Gesamtjahr als möglich, auch wenn schon umfassend Rückstellungen gebildet wurden. „Buy on bad news“ gilt dennoch auch hier. Alles Negative liegt auf dem Tisch. Und Börse ist Zukunft!

*Hinweis: Dieser Beitrag wurde am 8.11.2023 auf Wunsch den Autors geringfühgig geändert.

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