Schaffung neuer Ökosysteme

Bildtitel: Tomoho Umeda
Autor: Aleksandra Fedorska

Schaffung neuer Ökosysteme

Interview mit Tomoho Umeda, GrĂŒnder von Hynfra

Tomoho Umeda ist wahrlich eine imposante Persönlichkeit. Der japanischstĂ€mmige Unternehmer zieht die Blicke auf sich, sobald er einen Raum betritt. Umeda ist der GrĂŒnder von Hynfra und Hynfra Energy Storage und fördert als strategischer Berater Wasserstofftechnologien sowie groß angelegte Lösungen fĂŒr erneuerbare Energien. Er ist zudem Vorsitzender des Ausschusses fĂŒr Wasserstofftechnologie bei der polnischen Handelskammer, Vorstandsmitglied der Vereinigung Hydrogen Poland und Mitglied von Hydrogen Europe sowie der European Clean Hydrogen Alliance.

HZwei: Herr Umeda, Sie sind Vorstandsvorsitzender eines der wichtigsten Unternehmen der Wasserstoffwirtschaft in Polen. Was motiviert Sie besonders in Hinblick auf die Entwicklung von Wasserstoff?

Umeda: Ich war vorher an der strategischen Beratung fĂŒr zwei Branchen beteiligt: fĂŒr die chemische Industrie und fĂŒr die Energiewirtschaft – insbesondere fĂŒr die japanische Energiewirtschaft. Im Jahr 2014 nahmen uns die Japaner mit in ein Werk, das Wasserstoff herstellt. Dort habe ich erkannt, dass ich mit meinem Wissen ĂŒber die chemische Industrie und die Energiewirtschaft wirklich eine sehr gute Grundlage habe. Und seitdem beschĂ€ftige ich mich aktiv mit Wasserstoff. Ich habe einige der besten Leute, die ich in der Energie- und in der Chemieindustrie kennengelernt habe, eingeladen, sich zusammenzutun und dieses Unternehmen gemeinsam zu grĂŒnden. Denn Wasserstoff verbindet beide Bereiche sehr gut.

Wenn wir heute ĂŒber Wasserstoff reden, sprechen wir eigentlich ĂŒber das gesamte Spektrum, also auch ĂŒber seine Derivate, einschließlich Ammoniak und Methanol. Was das Ammoniak betrifft, so verfĂŒgt Polen seit hundert Jahren ĂŒber umfangreiche Erfahrungen in der Synthese von Ammoniak und im Umgang mit Wasserstoff. Die effektivsten Syntheseverfahren oder Optimierungen dieser Verfahren wurden ebenfalls in Polen durchgefĂŒhrt. Damit ist Polen auf der Welt konkurrenzlos. Wenn wir uns heute das Chemieunternehmen ZakƂady Azotowe PuƂawy anschauen, dann basieren deren Prozesse wesentlich auf dieser Technologie. Sie ist damit ein SchlĂŒsselelement der Energieoptimierung in Polen.

Was den polnischen Markt sicherlich vom deutschen Markt unterscheidet, ist das Vorhandensein von FernwĂ€rme und die Tatsache, dass unsere WĂ€rme ein reguliertes Gut ist. Die GeschĂ€ftsparameter fĂŒr solche Kraft-WĂ€rme-Kopplungs- oder Polygenerationssysteme, die aus erneuerbaren Energien, Wasserstoff und FernwĂ€rme bestehen, können dadurch sicherer vorhergesagt werden. Und das ist in der Tat die Richtung, in die wir weiter gehen wollen. In Polen wird dieser Wasserstoffmarkt ein fragmentierter Markt sein, denn die FernwĂ€rme ist eine Grundlage fĂŒr uns, um diese erneuerbaren Wasserstoffsysteme zu schaffen. Es sind mehr als 400 StĂ€dte, die mit FernwĂ€rme ausgestattet sind.

Die gesamte postkommunistische Region verfĂŒgt ĂŒber genau die gleiche Infrastruktur, denn sowohl in der Ukraine als auch in Russland, der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarn und im Norden, in den baltischen LĂ€ndern bis hin zu Finnland gibt es im Grunde die gleichen Systeme, auch weiter im Osten, der Mongolei und China. Es ist alles im Grunde sehr Ă€hnlich. Ein Ă€hnlicher Aufbau. Das ist eine großartige Basis fĂŒr uns. Nicht nur fĂŒr die Dekarbonisierung einer Stadt oder einer lokalen Regierungseinheit, sondern auch fĂŒr die Schaffung neuer Ökosysteme auf der Grundlage dieser Netze.

Deutschland will nur grĂŒnen Wasserstoff nutzen. Die Projekte, die Sie durchfĂŒhren, im polnischen Sanok oder dem ukrainischen Butscha, wo Sie ebenfalls aktiv sind, basieren ebenfalls auf grĂŒnem Wasserstoff. WĂŒrden Sie auch Wasserstoff verwenden, der mit anderen Energiequellen erzeugt wurde?

Wir setzen auf die erneuerbaren Energien, also entweder auf Wasserstoff aus Elektrolyse oder aus Biogas/Biomasse. Im Falle der Biomasse, die immer als erneuerbar gelten wird, schließen wir zumindest die Möglichkeit der Entwicklung von Projekten mit sogenanntem blauem Wasserstoff oder generell mit Systemen, die auf der Eliminierung von Kohlendioxid beruhen, nicht völlig aus. Fossile Brennstoffe hingegen werden wir nicht akzeptieren, weil wir glauben, dass diese EU-Verordnungen oder generell die Richtung, die wir weltweit in den Pariser Abkommen vereinbart haben, eindeutig ist. Ich verstehe ja jene Unternehmen, die versuchen, ihre bestehende Infrastruktur, ihre bestehenden Anlagen zu behalten und sie ein wenig zu modifizieren. Aber das ist das Problem dieser Unternehmen. Es ist nicht unser Problem. Wir sind nicht mit solchen Anlagen belastet und wir sind frei, um erneuerbare Energien zu nutzen.

Wenn ich aber an die Ukraine und Wasserstoff denke, kommt mir sofort die Kernkraft in den Sinn.

Die Kernenergie ist ein ganz anderes Thema, das sehr interessant ist. Ich denke, dass im Zusammenhang mit dem, was in letzter Zeit mit dem Überschuss an erneuerbaren Energien passiert ist, allmĂ€hlich klar wird, warum Deutschland sich von der Kernenergie abgewendet hat. Denn wenn heute die Kernenergie im deutschen System immer noch einen bedeutenden Teil des sogenannten Sockels ausmachen wĂŒrde, dann wĂ€re eine Steigerung der Effizienz bei der Produktion aus erneuerbaren Quellen erschwert. Nun, es ist klar, dass die Kernenergie zwar sauber sein mag, aber systemisch gesehen ist sie einfach nicht sehr rational. Generell sehe ich diese RealitĂ€t aber ein wenig anders, denn ich habe immer noch den Eindruck, dass wir stĂ€ndig von Dekarbonisierung reden und dass wir uns irren, wenn wir nur ĂŒber die Stromsysteme reden und nicht ĂŒber den gesamten Energieverbrauch der Wirtschaft. Ich habe bis jetzt keine schlĂŒssigen deutschen Ideen gesehen, wie man mit der Dekarbonisierung des gesamten Energieverbrauchs in der Wirtschaft umgehen will.

Ist der deutsche Markt fĂŒr Ihr Unternehmen interessant? Versuchen Sie, dort Projekte vor Ort zu realisieren?

Wir haben darĂŒber nachgedacht und sogar einige Versuche unternommen. Aber wir haben den Eindruck, nachdem wir verschiedene Vorstudien und Berechnungen durchgefĂŒhrt haben, dass es paradoxerweise viel schwieriger ist, Wasserstoffprojekte auf dem deutschen Markt zu entwickeln als hier. Erstens ist dort schon ein hoher SĂ€ttigungsgrad mit erneuerbaren Energien vorhanden. Paradoxerweise wĂŒrde ich jedoch sagen, dass es angesichts einer gewissen geografischen Ähnlichkeit fĂŒr uns schwierig ist, die Modelle, die in Polen praktikabel sind und keine finanziellen LĂŒcken aufweisen, auf Deutschland zu ĂŒbertragen. Dort werden diese finanziellen LĂŒcken, die bei diesen Projekten auftreten, mit Subventionen finanziert. Das wiederum fĂŒhrt zu einem neuen Wettbewerb, einem ungesunden Wettbewerb um Fördermittel. Wir fĂŒhren unsere Projekte aber im Nullmodell durch, ohne Subventionen. Die Projekte mĂŒssen sich finanziell tragen. Deshalb haben wir uns aus dem deutschen Markt vorerst zurĂŒckgezogen.

Autorin: Aleksandra Fedorska

 

Quellenangabe: Hynfra

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

preloader