H2 aus Altholz und Bananenschalen

Bildtitel: Span- oder MDF-Platten enthalten meist Harze und Phenole oder Lacke
Autor: Niels Hendrik Petersen
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29. August 2023

H2 aus Altholz und Bananenschalen

Biomasse – ein unterschĂ€tzter Lieferant fĂŒr grĂŒnen Wasserstoff

Forscher wollen kĂŒnftig Wasserstoff aus regionalen HolzabfĂ€llen gewinnen. BioabfĂ€lle und KlĂ€rschlamm können helfen, grĂŒnen Wasserstoff fĂŒr die Energie- und Verkehrswende zu produzieren. Werden Span- oder MDF-Platten verwendet, mĂŒssen sie zuvor von Klebstoffen befreit werden. Dann könnte der regenerative EnergietrĂ€ger aber von lokalen Betrieben und Energieversorgern genutzt werden. So hĂ€tte biogener Wasserstoff das Potenzial, den Energiebedarf von Industrie und Schwerverkehr regional zu decken – ein echter Joker fĂŒr die Energiewende.

Eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft auf der Basis von Holz hÀtte viele Vorteile, beispielsweise in der Schwarzwaldregion: Hier ist Holz das wichtigste Wirtschaftsgut. Bei der Verarbeitung zu Möbeln und Baustoffen oder beim Abbruch von GebÀuden fallen beachtliche Mengen von Holzresten an. Eine Entsorgung kostet meist sogar noch Geld. Bisher werden Alt- und Restholz allenfalls durch Verbrennungsanlagen energetisch genutzt.

Schon seit dem Sommer 2021 schlĂ€gt die sĂŒddeutsche Region einen neuen Weg ein: Aus den HolzabfĂ€llen soll grĂŒner Wasserstoff werden. „Nach dem Ansatz der Bioökonomie wollen wir mithilfe biotechnologischer Prozesse klimaneutralen Biowasserstoff sowie zusĂ€tzlich verwertbare Stoffe wie Carotinoide oder Proteine aus Altholz und HolzabfĂ€llen herstellen“, erlĂ€utert Ursula Schließmann. Sie arbeitet beim Fraunhofer-Institut fĂŒr GrenzflĂ€chen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) und koordiniert das Verbundvorhaben H2Wood – BlackForest.

Durch die Verwendung von Altholz kann CO2 auf zwei Wegen eingespart werden: Zum einen ersetzt der regenerative Biowasserstoff bisherige fossile EnergietrĂ€ger, zum anderen werden Rest- und Altholz nicht nur Wasserstoff liefern. Durch den neuen biotechnologischen Ansatz wird die energetische Verwertung der HolzabfĂ€lle mit einer stofflichen Nutzung verknĂŒpft. „Das aus dem Holz freigesetzte CO2 wird in Form von kohlenstoffbasierten Koppelprodukten gebunden“, erklĂ€rt Schließmann. „So wird es zurĂŒck in den natĂŒrlichen Kohlenstoffkreislauf gefĂŒhrt.“

Bislang existiert allerdings noch keine Anlage, die Biowasserstoff in grĂ¶ĂŸerem Maßstab herstellt. Am Fraunhofer IGB werden nun die dazu nötigen Prozesse vorbereitet und untersucht, bevor sie in der Pilotanlage am Campus Schwarzwald in Freudenstadt umgesetzt werden.

Das Bundesforschungsministerium (BMBF) fördert das Vorhaben im Schwarzwald bis Mitte 2024 mit rund 12 Mio. Euro. Partner des Projekts sind neben dem Fraunhofer IGB auch das Fraunhofer-Institut fĂŒr Produktionstechnik und Automatisierung IPA, das Institut fĂŒr industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb IFF der UniversitĂ€t Stuttgart sowie der Campus Schwarzwald.

Klebstoffe und Lacke entfernen

Der erste Schritt und Voraussetzung fĂŒr die biotechnologische Umwandlung ist eine Vorbehandlung. Denn HolzabfĂ€lle wie Span- oder MDF-Platten enthalten Klebstoffe wie Harze und Phenole oder auch Lacke. Diese chemischen Bestandteile mĂŒssten entfernt werden, denn nur so könnten Bakterien und Mikroalgen ihre Arbeit erledigen, erlĂ€utert die Forscherin. Zudem muss das Holz in seine Bausteine zerlegt werden, um die gewonnene Cellulose in einzelne ZuckermolekĂŒle zu spalten, welche wiederum den H2-produzierenden Mikroorganismen als Futter dienen.

FĂŒr die biotechnologische Umwandlung der Holzzucker setzt das Fraunhofer IGB auf ein Fermentationsverfahren mit Bakterien, welche die Zuckerarten zu CO2, organischen SĂ€uren und Ethanol verstoffwechseln. Die Stoffwechselprodukte der Bakterien stellen die Nahrung fĂŒr die Mikroalgen dar. Diese synthetisieren daraus Carotinoide oder Proteine als Koppelprodukte und setzen dabei auch Wasserstoff frei.

Dass grĂŒner Wasserstoff das Potenzial hat, den Energiebedarf von Industrie und Schwerverkehr regional zu decken, belegt die aktuelle Studie „Industrielle Wasserstoff-Hubs in Baden-WĂŒrttemberg“ des Fraunhofer IPA. Ihr Fazit: Die dezentrale Wasserstofferzeugung und -nutzung zahlt sich aus, wenn man Verteilerzentren, neudeutsch Hubs genannt, strategisch richtig platziert und verbindet. Mit Ökostrom werden dann in diesen Hubs Elektrolyseure betrieben. Um Transportkosten gering zu halten, mĂŒssen die Zentren nahe bei den Verbrauchern stehen. Ein weiteres Kriterium: Die Industrie vor Ort muss einen Bedarf an ProzesswĂ€rme, Hochtemperaturprozessen und Wasserstoffgas, etwa fĂŒr die Herstellung von StickstoffdĂŒnger, haben.

„Ideale Standorte befinden sich in der NĂ€he stark befahrener Straßen mit Lkw-Betriebshöfen, an denen sich H2-Tankstellen einrichten lassen“, sagt JĂŒrgen Henke vom Fraunhofer IPA. Mithilfe der Standortkriterien konnte das Forscherteam geeignete Orte in Baden-WĂŒrttemberg identifizieren. Vor allem in der Metropolregion Rhein-Neckar und im Großraum Karlsruhe. Computersimulationen am Fraunhofer IPA zeigen, dass sich mit regional erzeugtem grĂŒnem Wasserstoff innerhalb von zehn Jahren 30 Prozent der fossilen Energie ersetzen lassen – und das nur auf landeseigenen FreiflĂ€chen.

Projekt: Wasserstoff aus Pflanzenresten

Neben Holz ist Bioabfall eine weitgehend ungenutzte Ressource. Rund 4,6 Mio. Tonnen haben die Deutschen im vergangenen Jahr laut Umweltbundesamt allein in ihren braunen Tonnen gesammelt. Hinzu kommen AbfĂ€lle aus öffentlichen Parks und GĂ€rten, aus der Landwirtschaft und aus der Nahrungsmittelproduktion, außerdem KlĂ€rschlamm und Speisereste aus Kantinen – alles in allem gut 15 Mio. Tonnen.

Der Großteil landet in Kompostieranlagen oder wird verbrannt, um WĂ€rme und Strom zu erzeugen. „Doch dafĂŒr ist der Bioabfall viel zu schade“, betont Johannes Full, Leiter der Gruppe nachhaltige Entwicklung biointelligenter Technologien am Fraunhofer IPA. „Sinnvoller wĂ€re es, daraus Wasserstoff zu erzeugen und das dabei entstehende CO2 abzuscheiden, zu speichern oder langfristig zu nutzen.“

Wie das funktioniert, demonstriert das Fraunhofer IPA bei einem Unternehmen aus der Metallbranche. Dort können AbfĂ€lle von Obst- und Weinbauern aus der Umgebung, Kartonagen und Altholz sowie KantinenabfĂ€lle in Wasserstoff umgewandelt werden. Dieser wird dann direkt in der Metallverarbeitung genutzt. DafĂŒr werden die Obstreste und KantinenabfĂ€lle zunĂ€chst mithilfe von Bakterien in dunklen BehĂ€ltern fermentiert, wobei H2 und CO2 entstehen. Anschließend wird die fermentierte Masse in einer Biogasanlage zu Methan vergoren.

Blitzlicht zerlegt Bananenschalen

Auch an der TH Lausanne in der Schweiz wandelt ein Team um den Forscher Hubert Girault Biomasse in Wasserstoff – mittels Fotopyrolyse. In einem Reaktor befindet sich eine sogenannte Xenon-Blitzlampe, die energiereiches Licht emittiert. Das Team hat dabei mit Bananenschalen, abgenagten Maiskolben, Orangenschalen, der Haut von Kaffeebohnen und Kokosnussschalen experimentiert. Diese wurden zunĂ€chst 24 Stunden lang bei 105 °C getrocknet und dann gemahlen.

Das Pulver geben die Forscher bei Umgebungsdruck in einen Reaktor. Dann wirft die Xenon-Lampe die Blitze in die Biomasse, die sich so in Wasserstoff und Biokohle verwandelt. Der Prozess ist schon nach wenigen Millisekunden abgeschlossen. Aus jedem Kilogramm Biomasse werden rund 100 Liter Wasserstoff und 330 Gramm Biokohle gewonnen. Das entspricht etwa einem Drittel der ursprĂŒnglichen getrockneten Masse aus Bananenschalen.

Das junge Schweizer Unternehmen H2Valais will dieses Verfahren nun großtechnisch einsetzen. Die Fotopyrolyse konkurriert allerdings mit der hydrothermalen Vergasung von Biomasse, die Start-ups wie SCW Systems in den Niederlanden und TreaTech in der Schweiz einsetzen. Nasse Biomasse wird dabei einem Druck von 250 bis 350 bar und einer Temperatur von 400 bis 700 °C ausgesetzt. Innerhalb von einigen Stunden bilden sich unter diesen Bedingungen Methan und Wasserstoff. Das zeigt noch mal: Die AnsĂ€tze zur H2-Gewinnung aus Biomasse sind vielfĂ€ltig. Dieses Potenzial sollte im Sinne der Energiewende bald erschlossen werden.

Mobiler Container wandelt Pellets zu reinem H2

Das Verbundvorhaben BiDroGen forciert ebenfalls das Ziel, Holz in Wasserstoff umzuwandeln. Die Firmen BtX Energy und A.H.T. Syngas Technology bekommen dafĂŒr vom Bundeswirtschaftsministerium eine Förderung von 630.800 Euro. Das Projekt zielt darauf ab, eine Containerlösung zur dezentralen Erzeugung von Wasserstoff aus pelletierten Holzreststoffen bis zur Marktreife zu entwickeln.

Containerlösung als schlĂŒsselfertige Anlage zur Dampfreformierung von Biogas

Grundlage dafĂŒr ist die bereits bestehende Vergasertechnologie von BtX zur Abscheidung von reinem Wasserstoff aus Mischgasen. Ziel ist es demnach, den Wasserstoffgehalt des aus Pellets produzierten Holzgases durch innovative Katalysatoren zu maximieren, die Gasreinheit fĂŒr die folgenden Prozesse zu garantieren und die H2-Abspaltung aus dem Produktgasstrom zu ermöglichen. So soll sehr reiner Wasserstoff aus pelletiertem Restholz gewonnen werden. Je nach GasqualitĂ€t kann aus 12 bis 15 kg Holz ein Kilogramm reiner Wasserstoff gewonnen werden. Das entspricht einem Wirkungsgrad von ĂŒber 50 Prozent.

Die mobile Containerlösung soll dann dezentral grĂŒnen Wasserstoff zur VerfĂŒgung stellen. FĂŒr die Anwendung sieht die Firma vor allem im lĂ€ndlichen Raum großes Potenzial. FĂŒr die Verkehrswende könnte das ein echter Joker werden: So könnten Kommunen beispielsweise sofort wasserstoffbetriebene Fahrzeuge anschaffen, obwohl es noch keine Wasserstofftankstelle in der Region gibt.

Quellenangabe: Leins Aktenvernichtungs GmbH, Jochen Weiblen, BtX Energy

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