Auch im H2-Sektor herrscht FachkrÀftemangel

Bildtitel: Drei der insgesamt sechs Doktoranden vom Lehrstuhl fĂŒr KĂ€lte- und Kryotechnik an der TU Dresden: Henrik-Gerd Bischoff, Thomas Just, Maximilian Grabowski (v. l.)
Autor: Sven Geitmann
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25. August 2023

Auch im H2-Sektor herrscht FachkrÀftemangel

Riesiger Fortbildungsbedarf

Allerorts ist derzeit die Rede vom FachkrĂ€ftemangel – auch im Energiesektor, insbesondere im Wasserstoffbereich. WĂ€hrend in anderen Industriezweigen immerhin ein bereits existierendes Aus- und Weiterbildungssystem etabliert ist, geht es im H2– und BZ-Sektor jetzt erst so richtig los. Da noch kein Markt fĂŒr Elektrolyseure oder Brennstoffzellenanwendungen existiert, mĂŒssen zunĂ€chst FachkrĂ€fte ausgebildet werden, die diese neuen Produkte bauen sowie dann auch installieren, warten und reparieren können. DafĂŒr bedarf es aber erst einmal entsprechender Ausbildungswege sowie fachkundiger Personen, die den zukĂŒnftigen TechnikerInnen etwas beibringen können. Die gute Nachricht ist, dass sich in den vergangenen Monaten mannigfaltige Akteure dieser verantwortungsvollen Aufgabe angenommen haben. Deutschlandweit sprießen derzeit H2-Akademien und BZ-Seminare aus dem Boden.

Vor Jahren gab es bereits zaghafte Versuche, das Thema Aus- und Weiterbildung im H2– und BZ-Sektor zu bespielen. Einige der damaligen Akteure sind allerdings auf der Strecke geblieben oder haben sich aus diesem Bereich wieder zurĂŒckgezogen, weil es bislang immer nur kurzzeitige Hypes um Wasserstoff gab, aber keinen Markt.

Dies ist heute anders: Nach einhelliger Meinung ist der derzeitige Boom rund um Wasserstoff kein KurzzeitphĂ€nomen, sondern der Anfang einer Zeitenwende im Energiesektor. Dementsprechend groß ist die Nachfrage nach Personal, das sich mit H2– und BZ-Technik auskennt. Doch dies ist Mangelware. In den vergangenen Jahren existierten kaum adĂ€quate StudiengĂ€nge oder auch Lehrberufe.

Vor 15 Jahren gab es einige zaghafte BemĂŒhungen, im Rahmen des NIP-Leuchtturms Callux entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen fĂŒr das Handwerk einzurichten, aber davon ist heute nichts mehr ĂŒbrig. Auch das OTTI gibt es nicht mehr. Das Ostbayerische Technologie-Transfer-Institut e. V., das Fachveranstaltungen auch fĂŒr H2-Technik angeboten hatte, hat 2017 seinen Betrieb nach vier Jahrzehnten eingestellt.

Immerhin hat das ehemalige Weiterbildungszentrum Brennstoffzelle Ulm (WBZU) trotz vieler magerer Jahre durchgehalten und mit Hilfe der Handwerkskammer Ulm ĂŒberdauert. Seit vielen Jahren heißt es inzwischen Weiterbildungszentrum fĂŒr innovative Energietechnologien. In den vergangenen Monaten war es damit beschĂ€ftigt, die alte Expertise im H2-Sektor wieder neu aufzubauen. So ist mittlerweile auf der Website ein neues Bildungsangebot fĂŒr den Umgang mit Wasserstoff zu finden.

Andere Anbieter sind da schon deutlich weiter: Sowohl die verschiedenen Schwesterunternehmen des TÜV als auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) haben die Zeichen der Zeit erkannt und bieten seit geraumer Zeit Seminare rund um die rege nachgefragte H2-Technik an.

Verbandsebene

Ein entscheidender Akteur ist der Deutsche Verband des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Der technisch-wissenschaftliche Verein mit Sitz in Bonn ist seit zig Jahren in der Normierung, Zertifizierung und Standardisierung im Erdgassektor tĂ€tig. Seit einigen Jahren hat er sich nun den grĂŒnen Gasen angenommen. Mit sehr viel Vehemenz versucht der Verband sowohl seine Mitglieder als auch die Politik sowie die gesamte Energiewirtschaft davon zu ĂŒberzeugen, dass es zukĂŒnftig nicht nur Elektronen bedarf, sondern auch MolekĂŒle – am besten grĂŒner MolekĂŒle.

Dementsprechend bietet der DVGW inzwischen bereits ein umfangreiches Programm an Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen an: Praxis-Workshops, Zertifikats- und SachkundigenlehrgĂ€nge sowie Schulungen und E-Learning-Module rund um Wasserstoff.

Diesen Wandel von der fossilen zur nachhaltigen Energieversorgung nimmt ihm noch nicht jeder ab, deswegen scheint sich der DVGW umso stĂ€rker fĂŒr eine grĂŒne Wasserstoffwirtschaft einzusetzen, wobei allerdings ausdrĂŒcklich auch der Weg ĂŒber blauen Wasserstoff befĂŒrwortet wird. Dass der DVGW weiterhin eine wichtige Rolle im Gassektor spielen wird, liegt in der Natur der Sache, da seine Mitglieder ĂŒber millionenschwere Assets verfĂŒgen, die möglichst lange weiter genutzt werden sollen. Eine Stilllegung des gesamten Gasversorgungssystems erscheint gerade in der jetzigen Situation wenig sinnvoll, da es vergleichsweise einfach auf Wasserstoff umgerĂŒstet werden kann.

Hochschulebene

Im Hochschulsektor bleibt das Angebot nach wie vor recht dĂŒnn. Lediglich in Dresden gibt es BemĂŒhungen, einen Masterstudiengang fĂŒr Wasserstoff zu etablieren. Die Teilnehmerzahlen sind allerdings bislang sehr ĂŒberschaubar. Einer der Vorreiter war hier Prof. Hans Quack, der bereits 2008 einen Masterstudiengang Wasserstofftechnik an der Dresden International University (DIU) initiierte.

Der ehemalige Inhaber des Lehrstuhls fĂŒr KĂ€lte- und Kryotechnik der TUD konnte damals das Who-is-who (z. B. Dr. Johannes Töpler sowie Dr. Ulrich Schmidtchen vom DWV, Prof. Dr. JĂŒrgen Garche vom WBZU Ulm, Prof. Dr. Ulrich BĂŒnger vom LBST und Arno A. Evers) als Dozenten gewinnen. Auch ich durfte einmal ĂŒber „H2 in den Medien“ referieren. Das Studium zum Master of Science in Hydrogen Technology umfasste 600 PrĂ€senzstunden, die auf jeweils drei Wochen pro Semester innerhalb von zwei Jahren verteilt wurden (s. HZwei Oktober-Heft 2008). Heutige Lehrstuhlinhaberin an der TU Dresden ist seit September 2022 Prof. Christiane Thomas.

Schon damals stand Christoph Haberstroh an der Seite von Prof. Quack, der offiziell 2008 emeritierte, aber noch bis 2010 weiter lehrte. Seitdem kĂŒmmert sich Prof. Haberstroh als Gruppenleiter um die Kryogentechnik am Institut fĂŒr Energietechnik in Dresden. Unter anderem arbeitete er mit seinem Team an der Entwicklung von Kryogenpumpen sowie den LH2-Tanks fĂŒr die Brennstoffzellen-Trucks von Daimler und Volvo. Ein Ziel ist hierbei, das spezifische Tankgewicht deutlich zu reduzieren. Wogen herkömmliche KryogenspeicherbehĂ€lter noch 17 kg pro Kilogramm Wasserstoff, liegt dieser Wert derzeit bei 11 bis 12 kg/kgH2. Mit Hilfe leichter Verbundwerkstoffe werden jedoch 1 kg/kgH2 angepeilt.

Derartige Entwicklungen spiegeln wider, dass momentan im gesamten Kryogensektor seit einigen Monaten eine merkliche Themenverschiebung von flĂŒssigem Helium zu Wasserstoff festzustellen ist. Wie die Doktoranden Henrik-Gerd Bischoff, Thomas Just und Maximilian Grabowski (s. Abb. 1) gegenĂŒber HZwei mitteilten und wie auch Prof. Haberstroh bestĂ€tigte, werden derzeit „klassische Kernthemen von flĂŒssigem Wasserstoff an den Rand gedrĂ€ngt“. Insbesondere in den USA steht LH2 stark im Fokus, auch weil dort infolge der Raumfahrttechnik bereits umfassende Erfahrungen beim Umgang mit flĂŒssigem Wasserstoff vorliegen.


Bild: PrĂ€zisionsprĂŒfstand von Sebastian Eisenhuth zur Ermittlung des KonzentrationsverhĂ€ltnisses von Ortho- und Para-Wasserstoff

Wie Prof. Hans MĂŒller-Steinhagen in den RĂ€umlichkeiten der DIU gegenĂŒber HZwei berichtete, starteten im Herbst 2022 zwölf Teilnehmer mit dem komplett neu gestalteten H2-Studiengang der DIU. MĂŒller-Steinhagen war nach langjĂ€hriger TĂ€tigkeit beim Deutschen Zentrum fĂŒr Luft- und Raumfahrt (DLR) von 2010 bis 2020 Rektor der TU Dresden und anschließend bis September 2022 PrĂ€sident der DIU. Inzwischen ist er im Ruhestand, ist aber noch wissenschaftlicher Leiter fĂŒr den Studiengang Wasserstofftechnologie und -wirtschaft (M.Sc.).

Seinen AusfĂŒhrungen zufolge sei es mit diesem Studiengang gelungen, ein attraktives Angebot fĂŒr Fachleute zu schaffen, die berufsbegleitend Weiterbildung im Wasserstoffsektor anstreben. „Wir wollen Generalisten ausbilden, die das Thema aus mittlerer Flughöhe kennen und beurteilen können – keine Wissenschaftler“, so der Maschinenbau-Ingenieur. HĂ€ufig sei es so, dass die Betriebe die nicht ganz unerheblichen Weiterbildungskosten zumindest zum Teil ĂŒbernehmen oder Mitarbeitende von der Arbeitszeit freistellen. ErklĂ€rtes Ziel sei, dieses Mal die Studierendenzahl bis auf 15 Personen zu erhöhen und zukĂŒnftig weiter auszubauen.

Auch fĂŒr Dr. Johannes Töpler, der bei diesem Studiengang das Modul MobilitĂ€t leitet, ist die Aus- und Weiterbildung ein Herzensthema. Der Physiker war einer der H2-Pioniere bei Daimler und lange Jahre Vorsitzender des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands e. V. Obwohl er lĂ€ngst im Ruhestand ist, treibt er insbesondere im DWV Bildungsthemen unermĂŒdlich voran, lehrte unter anderem durchgehend jahrelang seit 2004 an der Technischen Akademie Esslingen (TAE) sowie fĂŒr das Haus der Technik (HdT) in Zusammenarbeit mit dem DWV und hat wesentlich am Zustandekommen dieses Studienganges mitgewirkt.

Studiengang „Wasserstofftechnologie und -wirtschaft (M.Sc.)“

Der neue Studiengang aus dem Fachbereich Ingenieurwissenschaften, der von der Dresden International University (DIU) auch in Kooperation mit der Technischen Akademie Esslingen angeboten wird, ist in Deutschland einzigartig. Er verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem Studierende berufsbegleitend sowohl die Fach- als auch die Managementkompetenz auf dem Gebiet von wasserstoffbasierten Energiesystemen erlangen. Er richtet sich an IngenieurInnen, NaturwissenschaftlerInnen sowie AbsolventInnen anderer techniknaher und wirtschaftlicher StudiengÀnge, die in der beruflichen Praxis tÀtig sind und ihre Kompetenzen im Hinblick auf die Gestaltung dieses Zukunftsfeldes erweitern wollen.

Die im Jahr 2003 gegrĂŒndete DIU beschĂ€ftigt rund 40 Mitarbeitende, die wiederum 1.400 Studierende aus unterschiedlichen Bereichen (z. B. Gesundheitswesen, Medizin, Ingenieurwesen, Recht) betreuen. Insgesamt sind ĂŒber 300 DozentInnen aus Wissenschaft und Wirtschaft ĂŒber WerksvertrĂ€ge eingebunden.

An der DIU in Dresden und der TAE in Ostfildern kann nach drei Semestern und dem Erwerb von 60 ECTS-Punkten als Abschluss der Master of Science erlangt werden. In Dresden wird zusĂ€tzlich zum Master (895 € pro Monat) auch das CAS (Certificate of Advanced Studies – Small: 4.500 € und Advanced: 6.500 €) angeboten. NĂ€chster Starttermin in Dresden und Esslingen ist nicht wie ursprĂŒnglich geplant das Wintersemester 2023, sondern das Sommersemester 2024.


Bild: Prof. Hans MĂŒller-Steinhagen

Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut fĂŒr Windenergiesysteme (IWES) und der Leibniz UniversitĂ€t Hannover bietet die Carl von Ossietzky UniversitĂ€t Oldenburg eine berufsbegleitende Weiterbildung fĂŒr Fach- und FĂŒhrungskrĂ€fte an. Diese praxisnahe Maßnahme mit Teamarbeiten und Exkursionen ist fĂŒr ein Semester konzipiert und kostet 6.000 Euro.

In Ă€hnlicher Weise offeriert auch das Fraunhofer-Institut fĂŒr Schicht- und OberflĂ€chentechnik (IST) vierteljĂ€hrig einen Zertifikatkurs an, um Unternehmen fit fĂŒr das Wasserstoffzeitalter zu machen. In PrĂ€senz auf dem Wasserstoff-Campus Salzgitter bei der Robert Bosch Elektronik GmbH sowie mit Online-Kursen kann die gesamte Wertschöpfungskette der H2-Wirtschaft kennengelernt und ein Personenzertifikat als „Fachkundige*r Wasserstoff mit TÜV Rheinland geprĂŒfter Qualifikation“ erworben werden – TeilnahmegebĂŒhren: ca. 5.700 Euro.

Akademieebene

Die Hydrogen Academy ist ein neuer Player im Weiterbildungssektor. Sie wurde im Sommer 2022 von Lifte H2 und TesTneT gegrĂŒndet und verfĂŒgt inzwischen ĂŒber rund 20 Personen, die sich um praxisorientierte, kundenspezifische Schulungen kĂŒmmern. Tom Elliger, der frĂŒher beim TÜV SĂŒd arbeitete und im Sommer 2021 zu Lifte H2 wechselte, erklĂ€rte gegenĂŒber HZwei: „Das Interesse ist riesig.“

Nach eigener Aussage ist die Hydrogen Academy das „derzeit einzige Trainingszentrum, das sich rein auf Wasserstoff spezialisiert“. Die Kurse werden teils online und teils bei TesTneT nahe MĂŒnchen, bei Lifte H2 in Berlin oder beim Kunden durchgefĂŒhrt.

Ein weiterer Akteur ist seit einigen Monaten die Heinze Akademie. Gemeinsam mit der Handwerkskammer Hamburg und anderen Partnern bietet diese norddeutsche Einrichtung ein Expertentraining in Vollzeit sowie eine berufsbegleitende Weiterbildung fĂŒr FachkrĂ€fte rund um Wasserstoffsysteme an.

Etwas internationaler geht es bei der Renewables Academy (RENAC) AG zu. Diese in Berlin ansĂ€ssige Institution hat ein zertifiziertes 120-stĂŒndiges E-Learning-Programm zu Green Hydrogen and Renewable Power-to-X Professional (PtX) entwickelt, das asynchron (24/7) in Eigenregie durchgefĂŒhrt werden kann und die wichtigen technischen und wirtschaftlichen Aspekte von PtX-Anwendungen wie Wasserstoff, WĂ€rmepumpen und ElektromobilitĂ€t abdeckt. Das nĂ€chste Semester startet im Oktober 2023 – TeilnahmegebĂŒhren: 1.710 Euro.

Im November beginnt dann auch die nĂ€chste Runde der HySchool, allerdings auf sehr viel einfacherem Niveau. Dieses Weiterbildungsangebot wird von dem Ferngasnetzbetreiber Open Grid Europe (OGE) sowie der RWTH Business School organisiert. Wahlweise kann das H2-Kick-Starter- zum Einstieg in die Materie oder das H2-Deep-Diver-Programm fĂŒr einen vertieften Einblick belegt werden. Die Teilnehmenden erhalten dann an zwei Tagen das erforderliche Wissen, um die H2-Strategie in ihrem Unternehmen vorantreiben zu können – TeilnahmegebĂŒhren: 1.450 Euro.

Sollten dann auch irgendwann die Gelder fĂŒr die Innovations- und Technologiezentren fĂŒr Wasserstoff bewilligt werden, könnte auch in Duisburg unter Beteiligung des Zentrums fĂŒr BrennstoffzellenTechnik (ZBT) ein großer Komplex fĂŒr die Aus- und Weiterbildung entstehen (s. HZwei-Heft Jan. 2023). Dort wird beispielsweise bereits daran gearbeitet, dass der Sicherheitsleitfaden fĂŒr Berufsfeuerwehren erneuert wird. Aber solange noch keine Freigabe vom Bund erfolgt ist (s. HZwei-Heft April 2023), darf noch nicht wie gewĂŒnscht losgelegt werden.

Derweil wird in Nordrhein-Westfalen ein „europaweit einzigartiges Schulungszentrum“ aufgebaut. Wie Open Grid Europe vermeldete, erfolgte am 7. August 2023 in Werne der erste Spatenstich durch MinisterprĂ€sident Hendrik WĂŒst fĂŒr eine H2-Trainingsstrecke, wo der Fernleitungsnetzbetreiber ab 2024 sein Personal zu Experten im praktischen Umgang mit Wasserstoff im Ferngasnetz schulen will.

www.di-uni.de, www.dvgw-veranstaltungen.de, www.heinze-akademie.de, www.hydrogen-academy.net, www.hyschool.eu, www.renac.de, www.tu-dresden.de, www.uol.de, www.tae-studium.de

Autor: Sven Geitmann

 

Quellenangabe: Sven Geitmann

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