Deutscher Maschinenbau kann Elektrolyse

Bildtitel: Die augenscheinlichste Neuerung war die große LED-Leinwand im Public Forum
Autor: Sven Geitmann
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12. Juni 2023

Deutscher Maschinenbau kann Elektrolyse

So groß war die Hydrogen + Fuel Cells Europe noch nie – auch nicht in den besten Zeiten der Hannover Messe. Mehr als 270 Aussteller prĂ€sentierten in der Energy-Halle 13 am Eingang West ihre Produkte, und zahlreiche Besucher tummelten sich an den StĂ€nden, auf den GĂ€ngen sowie auf den Foren. Auf dem gesamten MessegelĂ€nde zeigten mehr als 500 Aussteller H2– und BZ-Technologie, allerdings war es in den anderen Hallen weitaus leerer als auf dem orangefarbigen Teppich von Organisator Tobias Renz. Wasserstoff zĂ€hlte laut der Deutschen Messe AG neben kĂŒnstlicher Intelligenz und Energiemanagement in diesem Jahr „zu den Kernthemen der Hannover Messe“ und trug damit wesentlich dazu bei, dass 130.000 in die niedersĂ€chsische Metropole kamen.

Die Stimmung war gut und das Interesse groß – sowohl bei den Ausstellern als auch bei den Besuchern. Die StandgrĂ¶ĂŸen der Hydrogen + Fuel Cells Europe reichten zwar bei weitem nicht an die Quadratmeterzahlen auf dem World Hydrogen Summit in Rotterdam oder an frĂŒhere Jahre, wo Energieversorger und Windkrafthersteller riesige doppelstöckige Messebauten prĂ€sentierten, heran. Aber insgesamt buchten relativ viele bislang unbekannte Unternehmen vom 17. bis zum 21. April eine PrĂ€senz bei Tobias Renz und belegten auch vergleichsweise große FlĂ€chen.

Prominente Besucher

Mehr als 100 politische Delegationen aus mehr als 50 LĂ€ndern fanden in diesem Jahr den Weg an die Leine. Neben Bundeskanzler Olaf Scholz, der mit dem indonesischen PrĂ€sidenten Joko Widodo die Messe eröffnete, kamen zahlreiche Delegationen aus ganz Europa, Argentinien, Mexiko, Kanada, Japan, China, den USA und Indien. Speziell Europa-Politiker aus BrĂŒssel waren so stark vertreten wie nie zuvor.

Beeindruckend war, dass viele dieser ranghohen politischen Vertreter auch auf den rund 10.000 m2 (BruttoflĂ€che) der H2– und BZ-Messe erschienen. Bemerkenswert war beispielsweise der Besuch zahlreicher VertreterInnen des SPD-PrĂ€sidiums. Neben dem Bundesvorsitzenden Lars Klingbeil und der Parteivorsitzenden Saskia Esken waren auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, die Europa-Abgeordnete Katarina Barley, GeneralsekretĂ€r Kevin KĂŒhnert, Serpil Midyatli sowie aus der SPD-Fraktion der H2-Verantwortliche Andreas Rimkus vor Ort. Klingbeil betonte gegenĂŒber HZwei, Wasserstoff sei ein „großes Thema einer aktiven Industriepolitik“.

Bundeskanzler Olaf Scholz kam zwar nur bis in die Halle 12, aber ĂŒber NOW-Chef Kurt-Christoph von Knobelsdorff ließ er ausrichten: „Wir werden uns noch wundern, wie schnell die Skalierung dann geht, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.“ Seitens des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands e. V. hieß es dazu: „Die Hersteller sind bereit, die Technologien sind vorhanden. Was jetzt fehlt, sind die regulatorischen Rahmenbedingungen, die einen investitionssicheren Hochlauf garantieren – so wie beispielsweise das EEG.“

H2Eco Award geht an TH2ECO

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erschien am zweiten Tag auf dem MessegelĂ€nde und ĂŒberreichte unter anderem den H2Eco Award, der zum zweiten Mal gemeinsam vom Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband (DWV) e.V. und der Deutsche Messe AG ausgeschrieben worden war. Auf dem Public Forum der Hydrogen + Fuel Cells Europe hĂ€ndigte Habeck den mit 5.000 Euro dotierten Preis an Kilian Fromm von der Green Wind Innovation GmbH & Co. KG aus, und zwar fĂŒr deren TH2ECO-Projekt, das ab Seite 14 ausfĂŒhrlich vorgestellt wird.

„Als systemischer Bestandteil ist Wasserstoff bei der Sektorenkopplung nicht wegzudenken. [
] Insgesamt nimmt das System wieder Fahrt auf. [
] Nutzen Sie diese Dynamik. Tut euch zusammen und macht was Cooles daraus. [
] Bei Elektrolyseuren sind wir ganz vorne mit dabei. Der deutsche Maschinenbau kann Elektrolyse.“

Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck

Bemerkenswerte Aussagen

Im Laufe der fĂŒnf Messetage fielen wĂ€hrend der zahlreichen GesprĂ€che, PrĂ€sentationen und Podiumsdiskussionen etliche erwĂ€hnenswerte Äußerungen. So erklĂ€rte Dr. Gerald Linke vom DVGW öffentlich, dass nach seiner Kenntnis die Gasnetze zeitnah H2-ready seien, aber auf der Verbraucherseite noch etliches zu tun sei. Bislang hieß es, dass in zahlreichen Abschnitten nur 2 Vol.-% Wasserstoff im Gasnetz möglich seien – maximal 10 Vol.-%. EinschrĂ€nkende Faktoren seien sowohl Anwender wie Industrie und Erdgastankstellen, aber auch alte Stahlrohre, so die bisherige Sprechweise. Dass die Gasinfrastruktur als „H2-fĂ€hig“ bezeichnet wird, ist neu und bedarf daher noch einer gewissen Konkretisierung.

Eine Ă€hnlich weitreichende Bemerkung machte Kurt-Christoph von Knobelsdorff, indem er durchblicken ließ, dass nicht krampfhaft an einer Energieimportquote von 70 Prozent festgehalten werden mĂŒsse. Bislang werden mehr als zwei Drittel des deutschen Energiebedarfs mittels fossiler EnergietrĂ€ger aus dem Ausland herantransportiert. Bislang hieß es, dass auch in einer zukĂŒnftigen Wasserstoffwirtschaft weiterhin Ă€hnlich viel Energie importiert werden solle. Wenn sich allerdings der heimische Markt besser als erwartet entwickeln sollte, könnte diese Quote auch niedriger liegen, so der NOW-GeschĂ€ftsfĂŒhrer in Hannover.

Direkt davor hatte Dr. Tobias Bischof-Niemz vorgerechnet, dass zwei Drittel des deutschen PrimĂ€renergiebedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt werden könnten – die eine HĂ€lfte davon per ElektrizitĂ€t, die andere per Wasserstoff. Somit mĂŒsste nach Aussage des Enertrag-Bereichsleiters nur etwa ein Drittel des Gesamtbedarfs in Form von Wasserstoff importiert werden, was jedoch Dr. Linke – erwartungsgemĂ€ĂŸ – so nicht stehen lassen wollte.

Bischof-Niemz erlĂ€uterte weiterhin, dass es eine „merkliche Diversifizierung“ geben werde und Enertrag „Verbundkraftwerke auflegen“ wird. Etwa 40 bis 60 dieser Verbundkraftwerke könnten bundesweit aufgebaut und ĂŒber ein Einsammelnetz, in das große Solar- und Windparks einspeisen, miteinander verbunden werden. Betreiber dieser Kraftwerke werden voraussichtlich Projektierer wie Enertrag oder GP Joule sein, aber eventuell auch Energieversorger oder Elektrolyseurhersteller.

Interessante Informationen drangen auch aus den auf EU-Ebene gefĂŒhrten Clean-Room-GesprĂ€chen der Nfz-Industrie nach außen. Demnach wird erwartet, dass 2030 bereits 25 Prozent der Neufahrzeuge Zero-Emission-Vehicles sein werden – ein Viertel davon Fuel-Cell-Electric-Vehicles.

Ein voller Erfolg

Entsprechend positiv fiel das ResĂŒmee von Dr. Jochen Köckler, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe AG, auf der Abschlusspressekonferenz aus: „In den Messehallen war die industrielle Transformation live erlebbar.“ Thilo Brodtmann, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), konkretisierte: „Klimaschutz und Nachhaltigkeit stehen in der ganzen Welt inzwischen ganz oben auf der Agenda der Industrie. Um die angestrebte KlimaneutralitĂ€t zu erreichen, braucht es neue, intelligente Technologien und Lösungen fĂŒr eine ressourcenschonende und effiziente Produktion quer durch alle Lebensbereiche. Gerade hier auf der Hannover Messe haben wir das große Interesse der Kunden an den Lösungen gespĂŒrt, die der Maschinen- und Anlagenbau dafĂŒr bereitstellt. Deshalb war die Messe fĂŒr unsere Branche in diesem Jahr ein voller Erfolg.“

Quellenangabe: Sven Geitmann

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