Ein Wasserstoffkongress mit Tiefgang

Bildtitel: H2 Forum - Berlin Online
Autor: Sven Jösting
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26. Juni 2023

Ein Wasserstoffkongress mit Tiefgang

Am 6. und 7. Juni 2023 hat das H2-Forum in Berlin stattgefunden – zwei Tage, die an Inhalt zum Themenkomplex Wasserstoff nichts an Argumenten und Sichtweisen vermissen lassen, was die Perspektiven des SupermolekĂŒls in der Welt angeht. Es gab einerseits viel Kritik an der Umsetzung der ambitionierten Ziele in der Welt, an mancher Regulatorik und auch dem fehlenden RealitĂ€tssinn hinsichtlich der Zeitschiene der Umsetzung und UmsetzungsfĂ€higkeit. Andererseits zeigte sich, dass die Perspektiven stimmen und besser nicht sein können.

CO2-Verringerung, die Dekarbonisierung, ist derzeit das oberste Ziel und viele technologische Wege fĂŒhren dahin. Man kann auch sagen: der Weg ist das Ziel. Farbenspiele bezĂŒglich der Produktionsart und der Energiequellen sollten demgegenĂŒber – so die mehrheitliche Mehrheitsmeinung – in den Hintergrund treten.

HĂ€ufig wird der Inflation Reduction Act der Amerikaner angefĂŒhrt, der unternehmerisch gedacht wird und die Unternehmen in die Lage versetzt, selbst zu entscheiden, welchen H2-Weg man geht und wie dies durch Förderprogramme genutzt werden kann. Auf die EU bezogen gibt es da einfach noch zu viel Dirigismus – sei es auf EU-Ebene wie auch auf nationaler. In meinen Worten: der große Wurf ist es noch nicht, was die EU in Sachen Wasserstoff auf den Weg bringt, wenn auch viele einzelne Maßnahmen zielfĂŒhrend sind. Man verliert sich leider noch in zu vielen Details. Der Kongress hat dazu interessante Aspekte geliefert.

Europa sei in vielerlei Hinsicht (technologisch) in fĂŒhrender Position – muss dies aber auch nach Möglichkeit bleiben, hieß es. Es gehe darum, wie die Nachfrage nach Wasserstoff definiert wird, aber auch in der Definition, wie Wasserstoff in verschiedenen Farben zum Einsatz kommen kann. Das grĂŒne H2 ist das zielfĂŒhrende, aber halt lange – auf viele Jahre Sicht – nicht in den Mengen verfĂŒgbar, sodass der Übergang u.a. in blauem zu sehen ist.

Dazu kommt das notwendige GrundverstĂ€ndnis, wie und in welchen MĂ€rkten und Anwendungen Wasserstoff zum Einsatz kommen sollte. Die Politik – so mein Eindruck – sollte sich da heraushalten und es den Unternehmen selbst ĂŒberlassen, wie und wo sie auf die Karte Wasserstoff setzen wollen, wobei Förderungen wie die in den USA mittels IRA (3 $ Zuschuss pro kg grĂŒnem H2) sinnvoll wĂ€ren.

Das GrundverstĂ€ndnis fĂŒr die Potentiale von Wasserstoff ist indes voll da und ausgeprĂ€gt, so sinngemĂ€ĂŸ ein Statement von Nils Aldag, dem CEO von Sunfire. Europa hat viel erreicht und man kann optimistisch sein. Lieferkettenprobleme mĂŒssten gelöst werden, bevor es in Sachen Wasserstoff richtig losgehen kann. Und Fachpersonal muss dringend ausgebildet werden – das Thema in die UniversitĂ€ten bringen – denn das fehlt in ausreichender Zahl.

Ana Quelhas, zustĂ€ndige Vorstandsfrau des portugisisch-spanischen Windparkkonzerns EDP (einer der grĂ¶ĂŸten der Welt) ist da nicht so optimistisch, da man auch viele Falschinformationen in Sachen Wasserstoff vernehmen könne und all die Erwartungen an diesen neuen Markt so nicht kompatibel seien, wenn man auf die RealitĂ€ten schaut. Da gibt es erst einmal viele Herausforderungen („a lot of challenges“), die es zu lösen gilt, u.a. was ZeitplĂ€ne und AblĂ€ufe fĂŒr die Umsetzung angeht.

Politische Aspekte (Regulatorik) wie auch Fragen der Finanzierung dauern lĂ€nger, als es viele Marktteilnehmer wĂŒnschen wĂŒrden. Dazu kommt, so ein Vertreter von Nel Asa, dass man die Zulieferer gut einbeziehen muss (Lieferketten) und sich Fragen der RisikoĂŒbernahme in der Finanzierung bei Projekten stellt.

Daneben wurde darĂŒber diskutiert, wie Wasserstoff ĂŒber Ammoniak und Methanol auf der Langstrecke transportierbar gemacht wird und beide Chemikalien verstĂ€rkt in den Raffinerien zum Einsatz kommen werden. Die Lagerung von Wasserstoff in Salzkavernen und Porenspeichern in Kombination von Windparks und vor Ort einsetzbaren Elektrolyseuren als Kombinationsmodell zeigen einen guten Weg auf, so Dr. Wietfeld, CEO von Uniper Hydrogen. Da es sich seinen Worten zufolge um sehr komplexe ZusammenhĂ€nge handelt, mĂŒsse man erst einmal Erfahrungen sammeln und sich von einer gewissen Form der NaivitĂ€t lösen, wie schnell das alles umgesetzt werden soll und kann. Da braucht man AbnahmevertrĂ€ge und Power Purchasing Agreements (PPA). Klar sein aber: Things are moving in the right direction.

Auch der Handel von Wasserstoffderivaten wie Ammoniak muss neu entwickelt werden, wenn auch hier schon umfassende Erfahrung bei Ammoniak als DĂŒngemittel vorhanden sind. Initiativen wie H2Global als Mechanismus fĂŒr den subventionierten Einkauf von Wasserstoff aus der ganzen Welt (von außerhalb Europas) sind da eine gute Grundlage, so Wietfeld, der auch der CEO dieser Initiative ist.

Einerseits entwickelt sich die Art der Diskussionen rund um Wasserstoff positiv. Andererseits fehlen noch finale Investmententscheidungen fĂŒr die Wasserstoffproduktion und den Handel. Leider warten noch viele/fast alle Player darauf, wer den Anfang macht, d.h. die Bereitschaft fĂŒr den Wasserstoff auf Termin zu zahlen (PPA, offtaker u.a.) und sich fĂŒr die Abnahme zu verpflichten. Uniper hat selbst einen solchen Offtaker mit der indischen Greenko abgeschlossen, wo der Kauf von Ammoniak preislich erst zu einem spĂ€teren Zeitpunkt bei LieferfĂ€higkeit dessen basierend auf allgemeinen Markt- und Benchmarkpreisen erfolgt.

Da Wasserstoff (grĂŒn bis gelb) noch keinen allgemeinen Marktpreis hat (wie Erdgas und Erdöl) und noch nicht als handelsbares Commodity gilt, ist dies sicherlich noch ein Hindernis, welches aber ausgerĂ€umt wird, wenn sich hier der Weltmarkt entwickelt. Es verhĂ€lt sich sogar exakt so, wie beim Hochlauf der erneuerbaren Energien wie Windkraft und Photovoltaik vor 20 Jahren – daraus sollte man SchlĂŒsse ziehen, um den Kickstart zu beschleunigen.

Man sollte erst einmal mit vielen kleinen Projekten in der Welt starten, die dann nach oben skaliert werden können, als gleich immer auf Giga zu setzen. Auf jeden Fall ist viel mehr Pragmatismus von Nöten. Statt auf Klimawechsel „Climate Change“ und Untergangsszenarien als Grundlage fĂŒr Wasserstoff zu setzen, sollte die Motivation mehr auf der Vermeidung von CO2 liegen – egal welche Farbe der Wasserstoff hat, wenn er nicht erdgasbasiert ist.

Kurzum: Alle Zutaten sind da, um Wasserstoff zum Höhenflug zu verhelfen – 63 % der Teilnehmer teilten diese Sicht.

Die französische Lyhfe wies darauf hin, dass gerade der auf dem Meer (offshore) erzeugte Wasserstoff mittels Windenergie und Meerwasser via Entsalzung das beste Potential besitzt – auch gegenĂŒber onshore erzeugtem Windstrom. Der Vertreter von Air Liquide sieht allerdings viele HĂŒrden beim Hochlauf. Technologieoffenheit sei extrem wichtig und da geben die USA ein gutes Beispiel ab, da sie es den Unternehmen selbst ĂŒberlassen, wie sie die Förderprogramme in Sachen Wasserstoff fĂŒr sich zu nutzen wissen.

In Europa verhĂ€lt es sich leider noch so, dass die Politik dem Nutzer/Unternehmen Vorgaben macht, was man denn als richtig ansieht. Ein pragmatisches Beispiel: Aurubis, vertreten durch den Vorstand Gehrkens, ist die Nr. 1 in der Welt fĂŒr das Recyclen von Kupfer. Hier sind die Kosten fĂŒr Energie der entscheidende Standortfaktor. Kupfer hat seinen Weltmarktpreis, wo eben diese Energiekosten erheblich zu Buche schlagen und die Nutzung von CO2-freier Energie wie durch Wasserstoff sich rechnen mĂŒssen. Man investiert massiv darin und setzt auf technologische Verbesserungen, aber es geht immer auch um MĂ€rkte und Kosten. Da muss es sich rechnen, so Gehrkens, zumal der Strompreis in Deutschland zu den höchsten in der Welt zĂ€hlt. Wasserstoff wird eine wichtige Rolle spielen, aber zu welchem Preis? Blauer Wasserstoff via Erdgasreformierung ist sehr wichtig und den Kohlenstoff kann man auch wieder industriell verwerten.

Man bedenke: In batterieelektrischen Kfz ist viermal so viel Kupfer wie in Verbrennern. In einem Windrad offshore finden 50 Tonnen Kupfer ihren Einsatz. Die Kosten der VerfĂŒgbarkeit von Energie (Wasserstoff) sind ein elementarer Anteil fĂŒr das Unternehmen. Aktuell werden 20 Mio. Tonnen Kupfer pro Jahr in der Welt produziert – es sollen 57 Mio. Tonnen im Jahr 2035 werden. Auf die WeltmĂ€rkte bezogen wird es einen Wettbewerb um Wasserstoff geben, sodass Förderungen fĂŒr den Bau der Infrastruktur wie im Fall der LNG-Terminals in Deutschland (diese H2-ready machen) unerlĂ€sslich sind. Wasserstoff wird sich wie LNG durchsetzen und LNG ersetzen.

Klar ist, dass die Gasnetze H2-ready gemacht werden mĂŒssen – neben dem Bau neuer Pipelines, in denen dann sogar 100 % Wasserstoff transportiert werden. Von 560.000 km in Deutschland gelten 500.000 als nutzbar – mit Innenbeschichtungen (Coating) aus einem Kunststoff, der keine Diffusion zulĂ€sst. Die Kosten des Transportes des Wasserstoffs mĂŒssen noch definiert werden. Vorschlag: Indien als Vorbild nehmen. Dort ĂŒbernimmt der Staat die TransportgebĂŒhren via Pipeline. Und es geht auch um ein pan-European-Hydrogen-grid/backbone. Das Fitting mĂŒsste modernisiert werden wie auch manches Ventil und neue Kompressoren. Zudem stellt sich die Frage, an welchen Standorten sich die Etablierung von Elektrolyseuren am besten eignet.

Lkw & Schiene

Beim Einsatz von Wasserstoff im Nutzlastverkehr geht es vor allem um die Langstrecke. 600 bis 700 H2-Tankstellen gelten als ideale Basis fĂŒr Europa. Dabei geht es um den Preis von Wasserstoff, die VerfĂŒgbarkeit, das Netz (Standorte) und die Regulatorik – u.a. CO2-Abgaben bei Diesel-Lkw bzw. Förderungen fĂŒr batterieelektrische und wasserstoffbetriebene Lkw. Wichtig fĂŒr die Logistik ist der Radius des Lkw, Tankzeit, Kosten. Wasserstoff dezentral zu produzieren (Wind- oder Solarpark mit angeschlossener Elektrolyse) und an H2-Tankstellen anzudocken (Trailer, Pipeline, mobile Tankstelle) sei ebenfalls eine interessante Option. Bei ZĂŒgen wĂŒrden 150 bis 200 H2-Tankstellen reichen.

Fazit

Ein Kongress, der an Pragmatismus in Sachen Wasserstoff nichts vermissen lĂ€sst und klar aufzeigt, was wie besser gemacht werden könnte bzw. was noch schlecht lĂ€uft im Hochlauf. Die Politik sollte sich mit den Ergebnissen konstruktiv auseinandersetzen und diese am besten auch umsetzen. Der Worte sind genug gewechselt – die Welt schlĂ€ft nicht.

www.h2-forum.eu

Autor: Sven Jösting

Quellenangabe: H2 Forum

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