FachkrÀftemangel in der Wasserstoffwirtschaft

Bildtitel: H2-Tankstelle von Orlen in Deutschland
Autor: Aleksandra Fedorska
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19. Juni 2023

FachkrÀftemangel in der Wasserstoffwirtschaft

Polen und Deutschland suchen nach Mitarbeitern

„Wasserstoff ist der Kraftstoff der Zukunft, und wir brauchen Spezialisten, die diese Zukunft mitgestalten.“ So hat Daniel Obajtek, Vorstandsvorsitzender der PKN Orlen, sehr passend die aktuelle Situation in der polnischen Energiebranche beschrieben. Auf der deutsch-polnischen Fachkonferenz in EisenhĂŒttenstadt im April 2023, wo er dies sagte, ging es eigentlich um die Themen Digitalisierung und Energiewende. Aber schnell wurde klar, dass Deutschland und Polen vor ganz Ă€hnlichen Herausforderungen stehen – insbesondere was den Bedarf an FachkrĂ€ften beim Aufbau einer zukunftsfĂ€higen Wasserstoffwirtschaft betrifft.

Auf der Fachkonferenz an der polnischen Grenze, zu der regionale Berufsbildungsinitiativen gemeinsam mit ArcelorMittal eingeladen hatten, ging es um berufliche Ausbildungsperspektiven in beiden LĂ€ndern. Nicht nur der Stahlproduzent ArcelorMittal, der schon bald mithilfe von Wasserstoff grĂŒnen Stahl herstellen will, wies darauf hin, dass insbesondere Energieunternehmen zukĂŒnftig speziell ausgebildete FachkrĂ€fte benötigen werden. Auch der drittgrĂ¶ĂŸte polnische Wasserstoffhersteller, der Mineralölkonzern PKN Orlen, betonte dies immer wieder.

Die H2-Akademie von Orlen

Erst vor wenigen Wochen hat PKN Orlen in Polen eine H2-Akademie eröffnet. Diese richtet sich an Studierende ab dem dritten Studienjahr und wird zusammen mit dem H2-Valley in der Region Mazowsze organisiert. Die polnischen Wasserstoffförderregionen (Hydrogen Valleys) haben bereits bei ihrer Entstehung bestimmte Schwerpunkte festgelegt. Das im Zentrum Polens gelegene H2-Valley in Mazowsze, in dem auch die Hauptstadt Warschau liegt, war von Beginn an aufgrund der dortigen prominenten Hochschulen sowohl mit dem Thema Bildung als auch mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik beauftragt. Mit involviert sind hier auch der Autohersteller Toyota und der wichtigste polnische Eisenbahnproduzent PESA.

Orlen-Chef Daniel Obajtek erklĂ€rte: „Die Wasserstoff-Akademie öffnet die Tore zu dieser Welt. Wir setzen auf junge, talentierte und ehrgeizige Menschen. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, sich aktiv an innovativen Projekten zu beteiligen, von denen viele in Europa eine echte Neuheit sein werden. Die Akademie ist auch eine einzigartige Gelegenheit, aktiv an der Energiewende in Polen teilzunehmen [
]. Die besten Absolventen können Praktika absolvieren und ihre Zukunft mit der Arbeit in unserem Unternehmen verbinden und ihre Kompetenzen weiterentwickeln.“

Der stellvertretende polnische Klimaminister Ireneusz Zyska sagte im MĂ€rz 2023 zu den Teilnehmern der ersten Kurse der H2-Akademie: „Alles, was wir im öffentlichen Raum, in der Industrie und in der Wirtschaft tun, beginnt und endet mit Menschen. Ich bin froh, dass die talentiertesten Menschen von heute einen Platz in der Wasserstoff-Akademie Orlen gefunden haben und dass sie das hier erworbene Wissen und die Erfahrungen in die Zukunft tragen werden.“

Der mittelosteuropĂ€ische Energieriese Orlen hat in fast allen Staaten der Region eigene Tankstellen und Raffinerien. Er möchte bis zum Jahr 2030 zum wichtigsten Wasserstofflieferanten Mittelosteuropas werden. Dementsprechend heißt es dazu in dem von Orlen veröffentlichten Wasserstoffstrategiepapier: „Demnach sollen in Mitteleuropa mehr als 100 H2-Tankstellen fĂŒr den Individualverkehr, den öffentlichen Verkehr und den GĂŒterverkehr auf Straße und Schiene errichtet werden (in Polen etwa 57, in der Tschechischen Republik 28 und in der Slowakei 26 solcher Tankstellen).“

Der Wasserstoff wird jedoch zunĂ€chst nur teilweise grĂŒner Wasserstoff sein. Der polnische Konzern beabsichtigt, bis 2025 bis zu 50 MW an Leistung fĂŒr die Wasserstoffherstellung aufzubauen. Bis 2030 soll die Leistung verzehnfacht werden und bei 540 MW liegen. Als Erzeugungspfade kommen die Dampfreformierung von Biogas und Biomethan infrage, aber auch die von Kohlenwasserstoffen mit anschließendem CCS und CCU. Oder aber die Vergasung, Fermentation und Pyrolyse von Biomasse und AbfĂ€llen sowie die Erzeugung von grĂŒnem Wasserstoff per Elektrolyse.

ArcelorMittal: GrĂŒner Stahl ab 2050

WĂ€hrenddessen setzt ArcelorMittal auf erste Pilotprojekte und versucht, in EisenhĂŒttenstadt erst einmal den Wandel sowohl nach außen mit der Öffentlichkeit als auch intern mit der Belegschaft zu diskutieren. Aktuell startet das ostdeutsche Werk mit zwei kleinen Elektrolyseuren von McPhy mit je einer Leistung von 1 MW. McPhy hat mit dem Werk in EisenhĂŒttenstadt einen langfristigen Servicevertrag ausgehandelt. Die brandenburgische Landesregierung hat fĂŒr das innovative Projekt 5,1 Mio. Euro an Fördergeldern bereitgestellt. Der grĂŒne Wasserstoff wird dann im Kaltwalzwerk verbraucht und soll zur Betankung von Gabelstaplern oder SattelzĂŒgen am Standort EisenhĂŒttenstadt dienen.

„Mit diesem Projekt wollen wir untersuchen und zeigen, wie weitere Emissionsreduzierungen jetzt möglich sind, bevor ein kompletter Technologiewechsel und der Einsatz von weiterem Wasserstoff in den kommenden Jahren die Produktion vollstĂ€ndig auf KlimaneutralitĂ€t umstellen wird“, erklĂ€rte Reiner Blaschek, Vorstandsvorsitzender von ArcelorMittal Deutschland.

Quelle: ArcelorMittal EisenhĂŒttenstadt GmbH / Bernd Geller

Dabei gibt es bei Arcelor in EisenhĂŒttenstadt erheblichen AufklĂ€rungsbedarf, was die Auszubildenden bei der polnisch-deutschen Fachkonferenz selbst betonten: Es werde zwar viel ĂŒber die Energiewende und Transformation in der Stahlherstellung erzĂ€hlt, aber viel Konkretes, das der jungen Belegschaft Sicherheit und Zuversicht geben könnte, sei nicht dabei. Relativ vage blieben die Verantwortlichen in EisenhĂŒttenstadt auch darĂŒber, welche Kompetenzen zukĂŒnftig benötigt werden und welche nicht mehr.

Peter Wendt, der den Prozess des Wandels der StahlhĂŒtte im Zusammenhang mit der BeschĂ€ftigungs- und Ausbildungssituation vorstellte, machte deutlich, dass der gesamte Prozess an diesem Standort bis zum Jahr 2050 dauern werde. Die Transformation werde dementsprechend mehrere Phasen durchlaufen. ZunĂ€chst werde eine elektrische Schrottschmelzanlage eingesetzt, die in einer spĂ€teren Phase durch eine mit grĂŒnem Wasserstoff betriebene Direktreduktionsanlage ergĂ€nzt werde. Das fĂŒhre dazu, dass in den nĂ€chsten Jahren ein Anstieg der Belegschaft von jetzt knapp 2.700 auf bis ĂŒber 2.900 Mitarbeiter erwartet werde. Allerdings, so fĂŒhrte Peter Wendt weiter aus, dĂŒrften in der Schlussetappe beim Einsatz von Elektroöfen auch ĂŒber 300 ArbeitsplĂ€tze ĂŒberflĂŒssig werden.

Autorin: Aleksandra Fedorska

Quellenangabe: Orlen Deutschland, ArcelorMittal EisenhĂŒttenstadt GmbH / Bernd Geller

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