Ein riesiger Hebel, den es nun zu nutzen gilt

Bildtitel: Dr. Uwe Lauber, Vorstandsvorsitzender der MAN Energy Solutions
Autor:




24. Mai 2023

Ein riesiger Hebel, den es nun zu nutzen gilt

KĂŒrzlich hat die Bundesregierung den Entwurf fĂŒr eine Richtlinie zu KlimaschutzvertrĂ€gen, auch Carbon Contracts for Difference (CCfD) genannt, vorgelegt. Wer seine Produktion klimafreundlich macht, soll auf der Basis eines 15-jĂ€hrigen Vertrags zwischen Staat und Betrieb sowohl Geld fĂŒr Investitionen als auch jĂ€hrlich Mittel fĂŒr die teurere grĂŒne Produktion bekommen. Ziel der Maßnahme ist vor allem, die Umsetzung zu ermöglichen und zu beschleunigen. Interessant ist dieses Instrument unter anderem fĂŒr die Transformation der Industrie in Richtung einer grĂŒnen Wasserstoffwirtschaft. Dr. Uwe Lauber, Vorstandsvorsitzender der MAN Energy Solutions, bewertet das Instrument aus Sicht eines Anlagenherstellers.

HZwei: Wie bewerten Sie diesen Aufschlag zu KlimaschutzvertrÀgen aus der Bundespolitik?

Dr. Lauber: Wir sehen die von der Bundesregierung geplanten KlimaschutzvertrĂ€ge als einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Der deutsche Industriesektor hat 2021 120 Mio. Tonnen CO2 ausgestoßen. Hier hat die Politik einen riesigen Hebel, den es nun zu nutzen gilt. Wichtig ist, dass Unternehmen, die auf CO2-Ă€rmere oder CO2-freie Technologien umsteigen, in einem marktkonformen Rahmen vor wirtschaftlichen Nachteilen geschĂŒtzt werden. Die geplanten KlimaschutzvertrĂ€ge geben eine solche Perspektive, werden sich aktuell aber nur auf einige wenige Industrieunternehmen beschrĂ€nken.

Unter anderem muss laut Entwurf nach zwei Jahren die geförderte Anlage im Vergleich zur herkömmlichen Technologie eine CO2-Ersparnis von 60 Prozent erzielen. Zudem wird gefordert, mit der eingesetzten Technologie oder dem EnergietrÀger theoretisch eine Reduktion um 95 Prozent zu ermöglichen. Inwieweit sehen Sie die Vorgaben als realistisch an? Sind diese zu hochgesteckt oder könnten sie sogar noch ambitionierter sein?

Technologisch ist diese Zielerreichung möglich, denn die Technologien zur CO2-Vermeidung liegen bereits vor und sind ausgereift. Wichtig ist, dass die Messlatte mit Augenmaß und wirtschaftlichem wie technischem Sachverstand gelegt wird. Entscheidend fĂŒr die deutsche Volkswirtschaft ist im Moment, dass es endlich gelingt, industrielle Großprojekte auf den Weg zu bringen – etwa im Bereich der Wasserstoffwirtschaft, synthetischen Kraftstoffe oder der CO2-Abscheidung.

Welche weiteren VerbesserungsvorschlĂ€ge fĂŒr den Richtlinienentwurf haben Sie?

Der aktuellen Fassung zufolge werden nur einige wenige große Industriebetriebe von den KlimaschutzvertrĂ€gen profitieren. Das ist sinnvoll, um Erfahrungen mit dem neuen Instrument zu sammeln und Projekte mit besonders großer Hebelwirkung vorrangig anzustoßen. Mittelfristig mĂŒssen KlimaschutzvertrĂ€ge aber auch fĂŒr kleine und mittelgroße Industrieunternehmen möglich werden. Wir dĂŒrfen zudem nicht aus den Augen verlieren, dass ein wirkungsvoller CO2-Preis nach wie vor der bedeutendste und marktgĂ€ngigste Hebel ist. Derzeit ist aber der Preis deutlich zu niedrig.

Wie wichtig ist das Thema Geschwindigkeit? Wie schnell sollte die Richtlinie in Kraft gesetzt werden?

Die Zeit lĂ€uft uns davon und wir mĂŒssen endlich anfangen, klimafreundliche Technologien in industriellen GrĂ¶ĂŸenordnungen umzusetzen. Nur so können wichtige Betriebserfahrungen gewonnen und vor allem Skaleneffekte erzielt werden, die lang- und mittelfristig zu Kostensenkungen und Wettbewerbsvorteilen fĂŒhren und letztlich gut bezahlte IndustriearbeitsplĂ€tze sichern und schaffen. Die aktuellen PlĂ€ne der Bundesregierung zu KlimaschutzvertrĂ€gen sind ein Schritt in die richtige Richtung.

Details des Entwurfs zu KlimaschutzvertrÀgen (Carbon Contracts for Difference, CCfD)

Laut dem Ende vergangenen Jahres vorgelegten Entwurf des Bundesministeriums fĂŒr Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hinsichtlich einer Förderrichtlinie sollen sich Unternehmen in Ausschreibungen fĂŒr KlimaschutzvertrĂ€ge bewerben können.

‱           Dabei handelt es sich um VertrĂ€ge zwischen dem Staat und einem Unternehmen fĂŒr die klimafreundliche Produktion eines Gutes. Dies gilt etwa fĂŒr den Wechsel vom Hochofen auf die Direktreduktion mit Wasserstoff in der Stahlerzeugung.

‱           Solch ein Vertrag garantiert dem Unternehmen fĂŒr einen Zeitraum von 15 Jahren eine Ausgleichszahlung, die es fĂŒr die höheren Kosten der klimaneutralen Produktion entschĂ€digt. Gleichzeitig sichert er das Unternehmen gegen Schwankungen des CO2-Preises und andere Risiken ab.

Die Umsetzung soll an diverse Kriterien gebunden sein:

‱           FĂŒr das Vorhaben muss grĂŒner oder blauer Wasserstoff als EnergietrĂ€ger vorhanden sein bzw. muss der eingesetzte Strom aus erneuerbaren Energien stammen.

‱           Wer einen Vertrag abschließt, ist gefordert, seine Anlage innerhalb von zwei Jahren in Betrieb zu nehmen.

‱           Die CO2-Ersparnis im Vergleich zu herkömmlichen Technologien muss nach zwei Jahren bei 60 Prozent liegen, und mit der eingesetzten Technologie oder dem EnergietrĂ€ger muss theoretisch eine Reduktion um 95 Prozent möglich sein.

‱           CO2-Zertifikatepreis als Gradmesser: Laut Entwurf endet die staatliche Förderung dann, wenn wĂ€hrend der Vertragslaufzeit der tatsĂ€chliche CO2-Preis den bei Abschluss zugrundeliegenden Preis ĂŒbersteigt.

‱           Der Einsatz von Biomasse soll nur in AusnahmefĂ€llen förderfĂ€hig sein.

Inwieweit gehen Sie davon aus, dass diese Fördermaßnahme dazu geeignet ist, Projekte im Bereich grĂŒner und blauer Wasserstoff konkret anzureizen? Wie wĂŒrde sich der Markt ohne solche Maßnahmen entwickeln?

Die spannende Frage ist: Wie vermeidet man das sogenannte Henne-Ei-Dilemma, bei dem potenzielle Hersteller von Wasserstoff ihre Investition an eine gesicherte Nachfrage knĂŒpfen, die potenziellen Abnehmer ihre aber wiederum an ein gesichertes Angebot. Hier können Instrumente, die entsprechende Investitionen anregen, helfen.

Unter anderem soll auch die CO2-Verpressung im Untergrund gefördert werden. Wie bewerten Sie diese Maßnahme? Welche Potenziale sehen Sie hier etwa in puncto Wirtschaftlichkeit und Realisierbarkeit, auch im Vergleich zu Wasserstoff?

Wasserstoff und Carbon-Capture-Technologien (CCUS) gehen ein StĂŒck weit Hand in Hand. CCUS ist nicht nur unverzichtbar, um unvermeidbare Restemissionen zu eliminieren, sondern die Technologie kann auch die Basis einer CO2-Kreislaufwirtschaft bilden, die die Abscheidung, anschließende Nutzung und erneute Abscheidung von CO2 sicherstellt − eine Art Pfandsystem. CO2 ist beispielsweise ein wichtiger Rohstoff, um grĂŒnen Wasserstoff in dringend benötigte synthetische Kraftstoffe umzuwandeln.

Welche Chancen eröffnet das Instrument fĂŒr den deutschen Maschinen- und Anlagenbau, etwa beim Bau von Elektrolyseuren?

Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist bereits fĂŒhrend bei der Wasserstoff- und auch CCUS-Technologie. Auch die vielfĂ€ltige Industriedichte in Deutschland bietet optimale Voraussetzungen, um Deutschland als Klimachampion und Vorreiter zu positionieren. Die Gefahr ist aber groß, dass andere LĂ€nder und Regionen uns ĂŒberholen, und das liegt vor allem daran, dass die bĂŒrokratischen Verfahren fĂŒr die Umsetzung von konkreten Projekten viel zu langwierig sind. Da sind andere LĂ€nder deutlich effektiver, effizienter und dadurch auch schneller.

Inwieweit erfĂŒllen Ihre Anlagen die Vorgaben der Richtlinie?

Wir bieten bereits eine Vielzahl von Technologien an, die Industriekunden helfen, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren. Unter anderem haben wir betrĂ€chtlich in unser Tochterunternehmen H-Tec Systems investiert, um das Unternehmen in den nĂ€chsten Jahren zu einem der Top-3-Anbieter fĂŒr Elektrolyseure zur Erzeugung von grĂŒnem Wasserstoff zu entwickeln. Schon heute bietet H-Tec Systems das sogenannte Hydrogen Cube System (HCS) an, ein modulares Baukastensystem, um große PEM-Elektrolyseanlagen im Bereich 10 bis 100 MW zu realisieren. Wie alle anderen Hersteller arbeiten wir mit Hochdruck an einer Serienfertigung von Elektrolyse-Stacks und planen dazu den Bau einer Gigafactory bei Hamburg. Zudem kommen unsere Kompressoren weltweit bereits in mehr als 30 Carbon-Capture-Projekten zum Einsatz und sind somit bereits technisch ausgereift. Außerdem bieten wir industrielle GroßwĂ€rmepumpen an, um große Industrieanlagen nachhaltig mit ProzesswĂ€rme und -kĂ€lte zu versorgen.

Was sind die Spezifika und Unterscheidungsmerkmale ihrer Komponenten im Wettbewerb?

Wir decken mit unseren Technologien zum einen die gesamte Wasserstoffwertschöpfungskette von der Elektrolyse ĂŒber den Transport bis hin zu Reaktoren zur Umwandlung in synthetische Kraftstoffe ab. Zum anderen sind wir weltweit fĂŒhrend in der Produktion von Getriebekompressoren fĂŒr die CO2-Verdichtung. Weltweit hat kein Unternehmen in diesem Bereich mehr Erfahrung als wir. Auch unsere WĂ€rmepumpentechnologie beruht auf erprobten und ausgereiften Technologien. Wir sprechen also nicht von ZukunftsplĂ€nen, sondern von Technologien, die bereits seit vielen Jahren im Feld im Einsatz sind.

Welche konkreten Markterwartungen fĂŒr die kommenden Jahre haben Sie im Bereich Wasserstoff und gegebenenfalls CO2-Verpressung?

Wir haben eine Reihe von Kerntechnologien identifiziert, auf die wir uns kĂŒnftig konzentrieren werden. Alle diese Technologien haben einen immensen CO2-Hebel, um die Emissionen der Industrie und anderer energieintensiver Sektoren, die nur schwer zu elektrifizieren sind, zu reduzieren. Konkret sind das neben Elektrolyseuren und CCUS-GroßwĂ€rmepumpen und klimaneutral betriebene Motoren fĂŒr Schifffahrt und Energiegewinnung. Wir gehen davon aus, dass wir allein mit diesen Technologien bis zu zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen adressieren können.

Die Bundesregierung erwĂ€gt neben den KlimaschutzvertrĂ€gen auch das Instrument der grĂŒnen LeitmĂ€rkte umzusetzen (s. Infokasten). Der Staat kann dabei klimaneutral hergestellte Grundstoffe in seiner eigenen Beschaffung bevorzugen oder durch regulatorische Maßnahmen deren Einsatz vorschreiben. Der Wissenschaftliche Beirat empfiehlt, den grĂŒnen LeitmĂ€rkten den klaren Vorrang gegenĂŒber KlimaschutzvertrĂ€gen zu geben. Wie bewerten Sie die Ergebnisse dieses Gutachtens?

Über den Prozess der eigenen Beschaffung könnte die Bundesregierung mit gutem Beispiel vorangehen und zugleich einen großen Hebel umlegen. Umso grĂ¶ĂŸer ist dieser Hebel, wenn aus den grĂŒnen LeitmĂ€rkten regulatorische Rahmenbedingungen hervorgehen, die Standards vorschreiben, welche sich mithilfe klimafreundlicher Technologie adressieren ließen. Am Ende brauchen wir eine smarte Kombination aus wirksamer Förderung und einem regulatorischen Rahmen, in dem es stets wirtschaftlicher ist, das CO2 abzuscheiden und anschließend wieder zu nutzen oder zu speichern, als es zu emittieren.

KlimaschutzvertrĂ€ge versus grĂŒne LeitmĂ€rkte

Die Bundesregierung setzt bei der Förderung klimaneutraler Produktionsprozesse in der Grundstoffindustrie grundsĂ€tzlich auf zwei neue Instrumente: KlimaschutzvertrĂ€ge und grĂŒne LeitmĂ€rkte. Ein grĂŒner Leitmarkt ist ein staatlich geschaffener oder geförderter Markt fĂŒr klimaneutral produzierte Grundstoffe. Dabei kann der Staat grĂŒne Grundstoffe in seiner eigenen Beschaffung bevorzugt verwenden oder er kann durch regulatorische Maßnahmen vorschreiben, dass private Haushalte und Unternehmen in bestimmten Bereichen nur Produkte verwenden dĂŒrfen, die einen bestimmten Anteil grĂŒner Grundstoffe beinhalten.

Der Wissenschaftliche Beirat beim BMWK empfiehlt, dem Instrument der grĂŒnen LeitmĂ€rkte den klaren Vorrang gegenĂŒber KlimaschutzvertrĂ€gen zu geben. Laut dem Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats, Prof. Klaus Schmidt, sind KlimaschutzvertrĂ€ge anfĂ€llig fĂŒr eine Überförderung. Zudem bestehe die Gefahr, den Wettbewerb zu behindern und die Entwicklung neuer Technologien auszubremsen. Prof. Achim Wambach, Mitglied der Arbeitsgruppe, begrĂŒndet seine EinschĂ€tzung so: „GrĂŒne LeitmĂ€rkte fördern den Wettbewerb, neue Anbieter können in den Markt kommen, und ĂŒber die Preiswirkung gibt es starke Anreize, klimafreundliche Technologien zu verbessern und kostengĂŒnstiger zu machen.“

Autor: Michael Nallinger


Quellenangabe: MAN Energy Solutions

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

preloader