Hzwei Blogbeitrag

Beitrag von Sven Geitmann



28. Februar 2023



Titelbild:


Bildquelle:



QualitÀt statt QuantitÀt

Einen interessanten Ansatz für die Themen Weiterbildung und fachlicher Austausch verfolgt das Start-up Hyfindr. Während der Hydrogen Technology Expo Europe in Bremen (s. S. 9) stellte das Jungunternehmen Mitte Oktober 2022 erstmals öffentlich sein neues Konzept vor: Eine Internetplattform mit dem Zweck, die Expertise der Fachkräfte aus der Wasserstoff- und Brennstoffzellenbranche zu nutzen, indem gezielt technische Fachfragen gestellt und diese – so die Hoffnung – auch kompetent beantwortet werden können. In Zeiten, in denen Xing gerade seine Diskussionsgruppen schließt, könnte diese Tech Community ein Forum werden, das weniger auf Quantität, sondern vorrangig auf Qualität setzt. HZwei sprach darüber mit den beiden Gründern Dr. Björn Lüssow und Steven Oji.

Hallo Björn, hallo Steven, ihr habt jetzt gerade in Bremen erstmals euer neues Expertenforum, die Hyfindr Tech Community, vorgestellt. Wie war die Resonanz?

Björn: Sehr inspirierend, Sven. Fast alle Personen, denen wir die Hyfindr Tech Community vorgestellt haben, waren sofort begeistert und haben sich nach der Messe gleich angemeldet. Es ist jedem Berufsträger in der Wasserstoffindustrie doch sonnenklar, dass die Entwicklung und Implementierung von Projekten mit zahlreichen technischen Herausforderungen verbunden sind. Unsere Tech Community ermöglicht es, technische Fragestellungen schnell und effizient zu klären. Ganz besonders habe ich mich über das positive Feedback von Studenten und jungen Berufsträgern gefreut; es besteht ein enormer Wissensbedarf. Viele möchten in der Wasserstoffindustrie arbeiten und brauchen digitale Tools, um sich schlau zu machen. Hier setzen wir an.

Vorher habt ihr zunächst nur in kleinem Rahmen einigen wenigen Personen Zugang zu der neuen Plattform gewährt. Warum diese anfängliche Zurückhaltung?

Steven: Jede Community lebt von dem Engagement ihrer Mitglieder. Nur wenn sich Mitglieder einer Community auch engagieren, das heißt in unserem Fall, auch wirklich bei technischen Fragen helfen, sind andere auch inspiriert, mitzumachen. Niemand möchte Mitglied einer „toten Community“ sein. Aus diesem Grund haben wir erst einmal ganz klein angefangen mit einigen wenigen, hochinspirierten Professionals, die wir schon kannten oder bei denen wir vermuteten haben, dass sie uns helfen werden. Wir haben diese Personen zunächst zu einem Beta-Testing eingeladen und um Feedback gebeten. Uns war klar, dass am Anfang nicht alles gleich optimal ist.

Unter anderem habt ihr vorab Online-Workshops angeboten, wo ersten Akteuren die verschiedenen Funktionen erläutert wurden. Wie waren die Rückmeldungen?

Björn: Ganz genau, und auch hier haben wir eine Bestätigung erfahren. Wir haben mehrere Video-Meetings mit bis zu zehn Teilnehmern gemacht, um die Ziele unserer Initiative persönlich vorzustellen. Dies war mir auch aus einem anderen Grund ganz wichtig: Nur im persönlichen Austausch bekommt man wirklich ein Gefühl dafür, ob eine Initiative Nutzen stiftet oder ob wir uns da etwas eingebildet haben. Zum Glück war das Feedback – wie bereits gesagt – sehr positiv. Inzwischen haben wir bereits mehrere Hundert Mitglieder, die fleißig technische Fragen diskutieren.

Verstehe, dann erklärt doch bitte mal kurz, was genau ihr da eigentlich aufgebaut habt und jetzt anbietet.

Björn: Gerne. Communitys sind heutzutage nicht nur eine private Spielerei oder ein Hobby, sie haben inzwischen auch große berufliche Relevanz in vielen Industrien. Das beste Beispiel hierfür ist meines Erachtens Stack Overflow. In diesem Forum helfen sich Hunderttausende Softwareentwickler täglich aus freien Stücken bei Problemen in der Programmierung. Man findet dort mehr als 23 Millionen Fragen und Antworten, und die Community wird jeden Monat mehr als 100 Millionen Mal besucht. Je mehr und je qualifizierter sich ein Mitglied einbringt, desto klarer wird seine Expertise im Profil. Softwareentwickler bewerben sich inzwischen mit der Autorität, die sie sich in der Community Stack Overflow erarbeitet haben, und nicht mehr nur mit Lebensläufen. Mich beeindruckt diese Community sehr und ich habe mich gefragt, wieso es keine vergleichbare Community für die Wasserstoffindustrie gibt, da es doch auch in der Wasserstoffindustrie weltweit derzeit viele Fragen zu beantworten gibt.

Was unterscheidet euer Konzept von Xing, LinkedIn oder anderen Foren?

Steven: LinkedIn und Xing sind primär Marketingkanäle und Plattformen, um geschäftliche Kontakte zu knüpfen. Auf LinkedIn stellt man keine technischen Fragen, oder hast du dort schon einmal eine Frage gesehen wie: „Benötigt jeder Brennstoffzellenstack eigentlich einen Befeuchter?“ Interessant ist auch folgender Unterschied: Gruppen, die zum Beispiel auf LinkedIn gegründet werden, um sich auszutauschen, mutieren, je größer sie werden, zu einem reinen „Newsfeed“. Damit sinkt der Nutzen für das einzelne Gruppenmitglied. Niemand kann doch die ganzen Nachrichten über neue Projekte auf LinkedIn mehr lesen. Bei einem Q&A-Forum wie der Hyfindr Tech Community ist das anders, denn der Wert für das einzelne Mitglied steigt, je größer die Community wird. Bei einer großen Mitgliederanzahl ist die Wahrscheinlichkeit höher, eine Expertin oder einen Experten zu finden für eine ganz spezielle Frage. Eine Person stellt eine Frage, und die Intelligenz der gesamten Community antwortet. In einer Community wie Stack Overflow ist es auch häufig so, dass schon einmal jemand das gleiche Problem hatte und sich deshalb gute Antworten auf das eigene Problem finden lassen. Das ist effizient, und da wollen wir mit der Hyfindr Tech Community auch hin. Es wäre also toll, wenn ganz viele deiner Leser, lieber Sven, sich als Mitglieder registrieren und mitmachen (community.hyfindr.com).

Ihr beide seid zwar schon lange im Wasserstoffsektor aktiv, aber diese Internet-Plattform ist für euch totales Neuland. Björn, was hast du bisher gemacht?

Björn: Ich habe knapp zwanzig Jahre bei Mercedes gearbeitet. Als Anwalt habe ich dort mehr als zehn Jahre kleine und auch sehr große Kooperationen und M&A-Transaktionen (Mergers- und Acquisitions) gestaltet. Meinen Bezug zur Wasserstoffindustrie habe ich im Jahr 2013 bekommen, als ich die Gründung des Joint Ventures H2 Mobility unterstützen durfte. Ich habe mir damals gedacht, dass Wasserstoff unsere Chance ist, aus dem Öl rauszukommen. Unternehmer wollte ich eigentlich schon immer werden, aus diesem Grund habe ich daher damals auch erst meinen Diplom-Kaufmann gemacht, bevor ich mein Jurastudium abgeschlossen habe. Als ich angefangen habe zu studieren, hat mich Wirtschaft eigentlich viel mehr als die Juristerei interessiert. Auch wenn ich keine Ausbildung als IT-Programmierer habe, kann ich dir versichern, dass ich in den letzten drei Jahren im Selbststudium in die IT-Welt richtig „abgetaucht“ bin, um Hyfindr aus der Taufe zu heben.

Und du, Steven?

Steven: Bei Hyfindr vertrete ich eher die technische Ecke und bin, so wie die meisten unserer Angestellten, passionierter Ingenieur. So wie Björn habe ich einige Jahre bei Mercedes-Benz gearbeitet, wo ich zuletzt BZ-Systeme entwickelt habe. Das habe ich danach auch noch in einer weiteren Firma gemacht, bevor ich mich vollends dem Aufbau von Hyfindr und allem damit Verbundenen widmete. Viele Jahre meines Lebens habe ich aus beruflichen oder privaten Gründen in Ländern gelebt, in denen Energieversorgung über Diesel eine notwendige und offensichtliche Selbstverständlichkeit war. Daran wollte ich schon als Kind etwas ändern, denn dass dies viel Lärm und Schmutz erzeugt, hat mich schon damals gestört.

Ihr habt dann gemeinsam Hyfindr gegründet, was ja schon recht gut angelaufen ist. Bitte erklärt kurz, was genau Hyfindr ist.

Steven: Hyfindr.com ist der stark wachsende B2B-Marktplatz für die globale H2-Industrie, auf dem man sehr viele Komponenten, Systeme und Dienstleistungen findet, die jetzt für den Aufbau dieser Industrie benötigt werden. Wir haben besonderen Wert darauf gelegt, dass insbesondere Ingenieure alle relevanten Informationen unmittelbar finden. Ich hatte selbst diese Probleme bei den Brennstoffzellensystemen, die ich entwickelt habe. Es ist noch sehr schwer, passende Komponenten zu finden. Hier setzt Hyfindr an. Produkte können anhand von technischen Kriterien mit ein paar Klicks verglichen und Preisangebote bei Lieferanten effizient angefragt werden. Für Käufer und Verkäufer reduzieren sich so die Kosten der Kontaktaufnahme. Hyfindr.com ist anders als eine Messe 24/7 an 365 Tage im Jahr verfügbar. Uns besuchen Berufsträger, wenn sie einen konkreten Bedarf haben. Wenn wir mit Verkäufern dieser Produkte sprechen, ist unser „Wahlspruch“ deshalb auch: „Wir generieren hochwertige Kundenkontakte, während Sie schlafen!“

Also ist diese neue Plattform jetzt nur eines von mehreren Standbeinen von Hyfindr, richtig?

Björn: Es ist richtig, dass wir mehrere Formate entwickelt haben, aber unser B2B-Marktplatz ist der Kern unseres Geschäftsmodells. Die Hyfindr Tech Community betreiben wir nicht mit ökonomischen Zielen. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass es insbesondere für junge Berufsträger einfach wird, in die H2-Industrie reinzukommen. Aus diesem Grund sind Marketingbeiträge in unserer Community auch verboten. Es geht darum, sich gegenseitig dabei zu helfen, technische Themen zu lösen. In unserem Hyfindr-Knowledge-Hub finden sich zudem bereits mehr als 30 neutrale Artikel, die technische Grundlagen vermitteln. Hier können Berufsträger sich darüber informieren, was man vor einem Kauf von Wasserstofftanks, -filtern oder -kompressoren wissen sollte. Auch diese Wissenssammlung bauen wir weiter aus, und sie ist kostenlos verfügbar auf hyfindr.com.

Wie entwickelt sich denn bislang der dortige Marktplatz?

Steven: Die Entwicklung ist unglaublich. Wir haben ihn im September 2021 veröffentlicht und seither wachsen wir im Durchschnitt jeden Monat zwischen 10 bis 15 Prozent. Inzwischen zeigen mehr als 100 bekannte Marken ihre Produkte und Dienstleistungen. Es besuchen uns jede Woche Tausende Nutzer, die sich dann mehrere Seiten ansehen. Aus diesem enormen Traffic erzeugen wir auch Woche für Woche zahlreiche hochwertige Leads für die Unternehmen. Bisher haben wir meines Erachtens mit Hyfindr aber noch nicht einmal zehn Prozent des Potentials gehoben, da wir noch bekannter werden müssen. Die Entwicklung zeigt aber steil nach oben. Uns unterstützt seit Juni 2022 auch kein geringeres Unternehmen als Google. Wir sind als eines von ganz wenigen Unternehmen in Deutschland in das internationale Programm „Google for Startups“ aufgenommen worden. Dies hilft uns sehr.

Im Vergleich zu den früheren Hypes, die es rund um Wasserstoff gab, was ist aus eurer Sicht heute anders?

Björn: Dieses Mal ist es meines Erachtens eine getragene Entwicklung, da nicht nur Prototypen oder Demonstrationsprojekte freigegeben werden, sondern weltweit strategische Investitionen getätigt werden. In einigen Ländern skaliert die Brennstoffindustrie sogar schon hoch. Die eigentlichen Effekte werden sich aber erst noch in den nächsten Jahren aus der Sektorenkopplung zeigen. Ich bin fest davon überzeugt, dass all jene, die noch zweifeln, ob sich die Wasserstoffindustrie zu einem ähnlichen Wirtschaftszweig wie die Öl- und Gasindustrie entwickeln kann, noch in diesem Jahrzehnt verstummen werden.

Steven: Ich kann dem nur zustimmen, und ich möchte als Ingenieur noch Folgendes ergänzen: Die Energiewende erfordert neue technische Lösungen. Mit der reinen Batterietechnologie werden wir nicht alle benötigten Lösungen bauen können, um „grüner“ zu werden. Die Wasserstoff- und Brennstofftechnologie ist nicht der einzige, aber ein ganz wesentlicher Baustein der Energiewende. Ich habe in Südafrika und Nigeria neben tuckernden Dieselgeneratoren gelebt, die Klimaanlagen und Strom für Laternen erzeugten. So können wir nicht weitermachen global. Aus diesem Grund ist es auch persönlich für mich sehr inspirierend, mit Hyfindr einen Beitrag dazu leisten zu können, die globale Wasserstoffindustrie schneller und besser wachsen zu lassen. Dies treibt mich und auch Björn an.

Wo seht ihr euren Marktplatz und die Tech Community in fünf Jahren?

Steven: Man könnte sagen, dass wir uns auf den Weg gemacht haben, das Amazon der Wasserstoffindustrie zu werden. Mit Hyfindr.com bauen wir also eine digitale Lieferkette für die globale Wasserstoffindustrie auf, damit diese schneller wachsen kann. Berufsträger sollen sich darauf verlassen können, alle verfügbaren Produkte auf Hyfindr zu finden. Alles fängt ganz klein an, nämlich mit ein oder zwei Personen, die eine Idee haben und diese auch konsequent verfolgen. Das machen wir mit Hyfindr.

Björn: Mit unserer Tech Community wollen wir das Stack Overflow der Wasserstoffindustrie werden. Ich verspreche, mich bei dir zu melden, wenn wir einhunderttausend Fragen und Antworten in unserer Hyfindr Tech Community erreicht haben, lieber Sven. Wenn wir dies schaffen, haben wir die Wasserstoffindustrie erheblich beschleunigt. Es ist doch nicht nachvollziehbar, dass wir eine neue Industrie wie die Wasserstoffindustrie nur mit den Tools „von gestern“ bauen. Hyfindr will digitale Tools anbieten, um das Wachstum dieser Industrie global zu fördern. Dafür setze ich mich ein.

Herzlichen Dank für diese Einblicke.

B2B-Marktplatz: www.hyfindr.com, Tech Community: www.community.hyfindr.com

Interviewer: Sven Geitmann

Abb. 1: Steven Oji und Dr. Björn Lüssow (r.)

Quelle: Hyfindr

Kategorien: 2023 | Allgemein | News
:Schlagworte

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

preloader