Hydrogen Valley in polnischer Grenzregion

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28. Februar 2023

Hydrogen Valley in polnischer Grenzregion

Die Idee der Hydrogen Valleys – Regionen, in denen die Entwicklung von Wasserstofftechnik gezielt gefördert wird – ist in Polen nicht neu. Es gibt schon einige derartige Projekte, die nicht selten mit einer Strukturförderung fĂŒr ehemalige Kohleregionen einhergehen. Nun soll ganz im Nordwesten Polens die sechste Wasserstoffförderregion entstehen.

Die Entscheidung fĂŒr ein Hydrogen Valley auf Usedom und Wollin ist aber im Vergleich zu den anderen Valleys ein Sonderfall in der polnischen Wasserstoffpolitik: Das Gebiet ist relativ klein, die maritime Wirtschaft steht im Mittelpunkt, und die Gasleitungsnetze spielen hier im Gegensatz zu den anderen Fördergebieten eine zentrale Rolle.

Das Usedom-Wollin Hydrogen Valley will die natĂŒrlichen Gegebenheiten und die Infrastruktur der Region voll ausschöpfen. Der Import und die Produktion von Wasserstoff zielen daher darauf ab, die Schiffe auf den Inseln Usedom und Wollin mit diesem Rohstoff zu versorgen.

Das Memorandum ĂŒber die GrĂŒndung des (auf Polnisch) Usedom-Wolinski Hydrogen Valley wurde am 3. Juni 2022 unterzeichnet. „Die AbsichtserklĂ€rung ist Ausdruck eines gemeinsamen VerstĂ€ndnisses der Notwendigkeit, Maßnahmen zur Erreichung der KlimaneutralitĂ€t und zum Aufbau einer lokalen kohlenstoffarmen Wirtschaft im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu ergreifen, wobei der Schwerpunkt auf der Verwendung von Wasserstoff als EnergietrĂ€ger im emissionsfreien und emissionsarmen Land- und Seeverkehr einschließlich der Speicherung und des Baus von wasserstoffbetriebenen Schiffen liegt“, hieß es dazu in der Veröffentlichung der stĂ€dtischen Verwaltung.

Mit RĂŒckhalt der Politik

Die Förderregion, die sich ganz speziell auf die Stadt ƚwinoujƛcie und deren direkte Umgebung bezieht, verfĂŒgt seit Beginn ĂŒber den vollen RĂŒckhalt der jeweiligen stĂ€dtischen Politiker. So erklĂ€rte Janusz Ć»murkiewicz, StadtprĂ€sident von ƚwinoujƛcie: „Unsere lokale Regierung hat in diesem Fall eine partnerschaftliche Rolle. Von Anfang an haben wir die AktivitĂ€ten zur Verwirklichung des Projekts unterstĂŒtzt. Eine davon war die Unterzeichnung einer AbsichtserklĂ€rung. Aufgrund der Lage ist ƚwinoujƛcie prĂ€destiniert fĂŒr die Realisierung dieser Art von Projekten. Wir haben Bauland, auf dem diese Art von AktivitĂ€t ihren Platz finden könnte. In unmittelbarer NĂ€he dieser Standorte befindet sich ein FlĂŒssiggasterminal, das eine Quelle fĂŒr Wasserstoff sein könnte, so dass wir – sobald das Projekt realisiert ist – mit höheren Einnahmen fĂŒr den stĂ€dtischen Haushalt rechnen.“

Im Rahmen der finanziellen Absicherung der Förderregion wurde eine Zusammenarbeit mit der Bank Gospodarstwa Krajowego (BGK) vereinbart. Die BGK setzt im Auftrag der polnischen Regierung die sogenannte 3W-Strategie (Wasser-Wasserstoff-Kohlenstoff) um. Dabei geht es um die EinfĂŒhrung von Innovationen in der Bewirtschaftung von Wasserressourcen, die Nutzung von Wasserstoff als Teil der Energiewende und die Entwicklung moderner Kohlenstofftechnologien fĂŒr die Entwicklung innovativer Materialien und Technologien.

Im Zentrum der wirtschaftlichen Umsetzung und Nutzung steht das Unternehmen Ecoenergy H2, das an diesem Standort die H2-Produktion und -Speicherung, den Export und Import von flĂŒssigem Wasserstoff sowie den Vertrieb von Wasserstoff realisieren möchte. Das Unternehmen will die Synergien der maritimen Region im Hinblick auf die Wasserstoffwirtschaft bĂŒndeln. Es geht vor allem darum, die Möglichkeiten des konventionellen Hafens, der Werftindustrie und der LNG-Terminalinfrastruktur optimal zusammenzufĂŒhren.

FĂŒr Piotr Kosowicz, den EigentĂŒmer von Ecoenergy H2, hat der Standort einen besonderen Vorteil gegenĂŒber den anderen polnischen Wasserstoffregionen: ƚwinoujƛcie liegt direkt an der Grenze, und Deutschland ist, so Kosowicz, das Land, in dem sich die Wasserstoffindustrie am schnellsten entwickelt.

In dem GeschĂ€ftsmodell von Ecoenergy H2 geht es bei der Herstellung von Wasserstoff erst einmal nicht um Elektrolyse, denn Kosowicz will sich zuerst auf die Pyrolyse von Erdgas konzentrieren. DafĂŒr bieten Usedom und Wollin gute Voraussetzungen. Über das FlĂŒssiggasterminal vor Ort kann Erdgas importiert, aber auch Wasserstoff exportiert werden. Ebenso ist eine Zukunftsvariante möglich, bei der Wasserstoff ĂŒber das Terminal nach Polen transportiert wird. Die auf der Insel Wollin gelegenen Speicheranlagen sind als VorratsbehĂ€lter fĂŒr das Wasserstoffprojekt gedacht. Der Transport des Wasserstoffs soll ĂŒber Straßentankwagen, Eisenbahntankwagen und ĂŒber die Gasleitungen möglich sein. Dazu könnten die AnschlĂŒsse des Gasfernleitungsnetzes vom LNG-Terminal an das nationale Fernleitungsnetz genutzt werden, was eine direkte Einspeisung des Wasserstoffs in das Erdgasnetz ermöglichen wĂŒrde. DarĂŒber hinaus werden auch Wasserstofftankstellen fĂŒr Lastwagen und Schiffe entstehen.

Vor Ort sollen Wasserstofftankstellen zur direkten Betankung von Pkw und Lkw bereitgestellt werden: „Unser Endverbraucher ist ein gewöhnlicher Nutzer von Energiesystemen. Deshalb ist es wichtig, dass bei der Umsetzung dieses Projekts die Produktion von Wasserstoff aus erneuerbaren Energiequellen zu einem marktfĂ€higen Preis im Vordergrund steht”, erklĂ€rte Kosowicz.

Der GeschĂ€ftsplan von EcoEnergyH2 und damit die Erfolgsaussichten fĂŒr das gesamte Baltic Hydrogen Valley hĂ€ngen jedoch in hohem Maße vom Preis und der VerfĂŒgbarkeit von Erdgas ab. Dieser Rohstoff könnte in diesem Fall importiert werden, was die Infrastruktur der GashĂ€fen erlaubt. Auch die Förderung von begrenzten Gasmengen vor Ort auf der Insel Usedom sollte nicht völlig ausgeschlossen werden. Bis August 2022 hat der polnische Mineralöl- und Erdgaskonzern PGNiG noch keine Genehmigung fĂŒr die Gasförderung an diesem Standort erteilt, aber auf der deutschen Seite der Insel Usedom hat das französische Unternehmen Engie eine Genehmigung fĂŒr die Förderung beantragt. Die örtliche Gemeinde lehnte diese Möglichkeit jedoch ab. Laut den Prognosen von Engie befindet sich das Gasfeld nördlich des Strandes von Heringsdorf in einer Tiefe von 2.600 Metern, was bedeutet, dass ein Teil des Feldes bereits auf der polnischen Seite der Grenze liegen könnte. In einem Interview mit der Wasserstoff-Akademie schloss Piotr Kosowicz die Förderung von Gas auf der Insel Usedom jedoch aus, da er die Reserven fĂŒr zu gering hĂ€lt.

Autorin: Aleksandra Fedorska

Abb. 1: Alumare-Werft – Sitz von EcoEnergyH2 im Hafen von ƚwinoujƛcie

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