Brennstoffzellen-Branche braucht mehr Mut

Bildtitel:
Autor:




30. Juni 2015

Brennstoffzellen-Branche braucht mehr Mut

26. Juli 2010 – Wie lange wollen wir eigentlich noch forschen, entwickeln und optimieren? Ewig, ist klar, schließlich ist Deutschland das Land der Denker und TĂŒftler. Aber bitte erlauben Sie mir einen Einwurf: Man kann auch dann noch weiterentwickeln, wenn man zwischenzeitlich dem Endkunden sein Produkt endlich einmal vorgestellt hat. Soll heißen: Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem der GeschĂ€ftsfĂŒhrer ein Machtwort sprechen und den erreichten Entwicklungsstand einfrieren muss. Er muss den Ingenieuren und Wissenschaftlern dafĂŒr kurzzeitig ihr liebgewonnenes Spielzeug entreißen, denn freiwillig wird sich kein guter und verantwortungsvoller Entwickler von seinem Schatz trennen.
Gute Techniker zeichnet genau dieser Wesenszug aus, dass sie nie mit dem Erreichten zufrieden sind, dass sie immer noch an irgendeiner Kleinigkeit herummÀkeln und ihr Produkt weiter optimieren wollen. Oder kennen Sie einen Ingenieur, der ganz offen und ehrlich sagt: ?Dieses Teil ist perfekt, ich bin fertig.??

Deswegen darf man beim Thema Markteintritt nicht zu sehr auf die Entwickler hören, auch wenn sie natĂŒrlich ein wichtiges Wörtchen mitzureden haben, insbesondere wenn es ums Thema Sicherheit geht. Ein guter GeschĂ€ftsfĂŒhrer weiß aber, wann der optimale Zeitpunkt erreicht ist, den Schritt auf den Markt zu machen, denn schließlich hĂ€ngt davon das Überleben seiner Firma ab. Kommt dieser Schritt zu spĂ€t, ernten andere die FrĂŒchte des Erfolgs. Dann gibt es ziemlich schnell ĂŒberhaupt nichts mehr zu entwickeln fĂŒr die Ingenieure.
Genau an diesem Punkt sind wir jetzt, das hat die Hannover Messe 2010 gezeigt und die Weltwasserstoffkonferenz in Essen nochmals bestĂ€tigt: Die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Branche braucht jetzt mutige GeschĂ€ftsleute, die vorausschauend denken. Jetzt ist fĂŒr Nischenanwendungen der optimale Zeitpunkt, um technisch weit gereifte Produkte dem Endkunden anzubieten, auch wenn der Preis noch zu hoch ist.

Dies betrifft keine BZ-HeizgerÀte, auch keine H2-Autos, aber es gibt bereits eine Vielzahl an Systemen im Leistungsbereich von 0,1 bis 100 kW, die durchaus schon marktreif sind. Diese GerÀte haben nichts mehr auf den Branchenmessen, wo sich Entwickler gegenseitig auf die Schulter klopfen, verloren. Diese BZ-Systeme mit Potential gehören vielmehr auf die Anwendermessen, wo interessierte Endkunden und findige Vertriebsleute herumlaufen.

Dort sind die richtigen Ansprechpartner zu finden, die aus einer schwarzen Kiste namens Brennstoffzelle ein attraktives Produkt schnitzen. Hier wissen die Leute, dass man Endkunden keine Brennstoffzellen andrehen kann, sondern wesentlich mehr Erfolg hat mit Stichworten wie Freiheit, UnabhĂ€ngigkeit und Komfort. Ob in einem GerĂ€t eine Brennstoffzelle steckt, ist den meisten Anwendern völlig egal. Sie benötigen Energie, wo und wann auch immer, und dafĂŒr zahlen sie auch gerne etwas mehr, egal ob es der Gastronom auf der Festwiese ist, der auch ohne Stromkabel und Dieselaggregat kaltes Bier und Snacks verkaufen will, oder ein Elektriker, der einen Stromanschluss in seinem Handwerkerwagen benötigt, oder eine TierĂ€rztin, die ihre Medikamente auf dem Weg zum Bauernhof kĂŒhlen muss, oder oder oder?

Wissenschaftler und Ingenieure verstehen davon nichts, dafĂŒr sind sie weder ausgebildet noch werden sie dafĂŒr bezahlt. Sie wollen immer nur forschen und tĂŒfteln. DĂŒrfen sie ja auch. Sobald das Produkt mit dem eingefrorenen Entwicklungsstadium im Feld ist, können sie parallel schon fleißig weiter optimieren. Was wir aber jetzt brauchen, sind Marketing- und Vertriebsleute, die den nĂ€chsten Schritt wagen und vielleicht auch mal auf eigenes Risiko 1.000 Systeme kaufen und damit dann Klinken putzen gehen.

NatĂŒrlich birgt dieser Weg gewisse Probleme: Man könnte der Erste auf dem Markt sein. Man könnte AuftrĂ€ge bekommen. Man könnte Geld verdienen.

FĂŒr viele Firmen, insbesondere diejenigen, die nicht den langwierigen NOW-Weg gehen wollen, ist dies eine große Chance. Wer dennoch Angst vor der eigenen Courage hat und seiner selbstentwickelten Technik doch nicht so ganz vertraut, greift auf bewĂ€hrte Tricks zurĂŒck und testet sein System zunĂ€chst nur in einem ĂŒberschaubaren Anwendungsspektrum beziehungsweise in einer begrenzten Region. Dann ist im Falle einer RĂŒckrufaktion nur diese Teilbranche bzw. dieser Landstrich betroffen.

Der Zeitpunkt fĂŒr einen Markteintritt speziell in NischenmĂ€rkten könnte jetzt nach der WHEC2010 nicht besser sein.

Kommentar von Sven Geitmann

Quellenangabe:

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

preloader