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Beitrag von Sven Geitmann

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2. Mai 2023

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Heute LNG, morgen grĂŒne Gase

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat nicht nur die deutsche Energiepolitik kurzfristig und fundamental verändert. Die schnellstmögliche Unabhängigkeit von russischen Erdgas-, Erdöl- und Kohlelieferungen hat seit Frühjahr 2022 unter den EU-Mitgliedern oberste Priorität. Aufgrund der gedrosselten, bis dato für die nationale Energieversorgung zentralen russischen Erdgaslieferungen an Deutschland – und nicht zuletzt angesichts der schrecklichen Ereignisse im Zuge des Ukraine-Krieges – galt es, unverzüglich eine von Russland unabhängigere Gasversorgung aufzubauen.

Der Bau von LNG-Terminals (Liquefied Natural Gas, verflüssigtes Erdgas) in „neuer Deutschlandgeschwindigkeit“ ist vor diesem Hintergrund von zentraler Bedeutung. Die niedersächsische Landesregierung unterstützt diesen Ansatz nachdrücklich und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Der Aufbau von LNG-Terminals bietet zudem die Perspektive, das ankommende fossile Flüssiggas mittelfristig durch klimaneutrale Gase zu ersetzen. Dafür können die LNG-Terminals ohne Umbau eingesetzt werden – eine wichtige Voraussetzung für unser Ziel, eine klimaneutrale Energieversorgung zu schaffen.

Für eine stärkere Diversifizierung der Erdgasversorgung der Mitgliedsländer drängt die EU-Kommission bereits seit Jahren auf einen Zugang zum weltweiten LNG-Markt. Deutschland hat nun seit Dezember 2022 als größter europäischer Erdgasmarkt mit Meereszugang auch LNG-Importterminals, in Niedersachsen sind das die Standorte Wilhelmshaven und Stade (aktuell im Bau).

Niedersachsen – Energiedrehscheibe und Tor zur Welt

Niedersachsen ist aufgrund seiner geografischen Lage und seiner Nähe zu den wichtigsten europäischen Märkten ein geeigneter Standort für LNG-Terminals. Darüber hinaus ist die Region auch ein wichtiger Industriestandort – mit großem Energiebedarf. Niedersächsische LNG-Terminals spielen daher eine wichtige Rolle, um die Energieversorgung Deutschlands sicherzustellen und die CO2-Emissionen zu reduzieren.

Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte am 27. Februar 2022 im Bundestag, dass im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel und im niedersächsischen Wilhelmshaven Flüssigerdgas- bzw. LNG-Terminals gebaut werden sollen. In den folgenden Wochen hat die niedersächsische Landesregierung zusammen mit der Bundesregierung notwendige Gesetzesanpassungen vorangetrieben, um mehr Tempo bei den erforderlichen Genehmigungsverfahren zu machen. Dazu gehören insbesondere das Beschleunigen, Vereinfachen und Verkürzen oder gar, in besonders gelagerten Fällen, das teilweise Aussetzen von Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Energieunternehmen und Behörden wurden und werden durch die Landesregierung unterstützt. Unser Ziel ist es, Antragstellung und Genehmigungsverfahren zügig und effizient durchzuführen, damit die LNG-Importterminals und die erforderlichen Anschlussleitungen schnellstmöglich gebaut werden können.

Die niedersächsischen Standorte Wilhelmshaven und Stade verfügen mit ihrer bestehenden Hafeninfrastruktur, den unmittelbaren Zugängen zu transeuropäischen Erdgasversorgungsnetzen sowie den küstennahen Gasspeicherkapazitäten über ausgezeichnete Standortmerkmale, um LNG-Infrastrukturen an der norddeutschen Küste zu entwickeln.

LNG-Terminal Wilhelmshaven mit schwimmender FSRU

Das LNG-Terminal in Wilhelmshaven mit einer schwimmenden Regasifizierungsanlage (Floating Storage and Regasification Unit – FSRU) wurde am 17. Dezember 2022 eröffnet. Nach einer Testphase ging es einen Monat später in den Regelbetrieb über. Das Genehmigungsverfahren sowie die baulichen Maßnahmen wurden beschleunigt (unter anderem dank des LNG-Beschleunigungsgesetzes).

Die Baumaßnahmen starteten am 5. Mai 2022, bereits am 11. November 2022 wurden sie abgeschlossen. Rekordtempo! Für den Weitertransport des regasifizierten LNG errichtete der Fernleitungsnetzbetreiber Open Grid Europe GmbH (OGE) binnen kürzester Zeit eine knapp 30 Kilometer lange Gasleitung mit Anschluss an die Hauptgasfernleitung und den Erdgasspeicher in Etzel.

Der LNG-Umschlag in Stade soll im Winter 2023/2024 in Betrieb gehen. Die Hanseatic Energy Hub GmbH betreibt im Seehafen Stade-Bützfleth das Projekt zum Bau eines landgestützten LNG-Terminals. Der Baubeginn für die Hafeninfrastruktur wurde am 16. September 2022 genehmigt, am 12. Oktober 2022 hat die niedersächsische Hafeninfrastrukturgesellschaft NPorts den Bauauftrag vergeben.

Der erste Rammschlag für den Anleger folgte am 20. Januar 2023. Dort soll zunächst eine FSRU in Betrieb gehen (Ende 2023), bis das landseitige Terminal seine Arbeit aufnehmen kann (nach Stand der Planungen 2026/2027). Außerdem soll in Wilhelmshaven ohne Landesfinanzierung ein drittes niedersächsisches LNG-Terminal durch ein Konsortium um das Unternehmen Tree Energy Solutions (TES) entstehen.

„Bis wir vollständig auf Erdgas verzichten können, werden noch einige Jahre vergehen. Entscheidend ist, dass wir im Bereich grüner Wasserstoff jetzt schnell Fortschritte erzielen. […] Die neuen Terminals sollten vor allem auch dafür genutzt werden, um früher in den Import von klimaneutralem Wasserstoff einzusteigen. In Niedersachsen sind die Projekte dafür ausgelegt.“

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil

Deutschlandgeschwindigkeit auf weitere Projekte übertragen

Die abgeschlossenen und laufenden LNG-Vorhaben zeigen, dass bei entsprechender Koordinierung, Bündelung und Priorisierung eine erheblich schnellere Genehmigungspraxis möglich ist – ohne Abstriche beim Umwelt- und Naturschutz. Diese neue Deutschlandgeschwindigkeit wollen wir für andere Projekte beibehalten.

Die Landesregierung ist daher entschlossen, bei den Planungs- und Genehmigungsverfahren im Klimaschutz weiter Tempo zu machen und die Rechtssicherheit der Verfahren zu verbessern. Dafür brauchen wir besser ausgestattete und effizienter organisierte Planungs- und Genehmigungsbehörden. Für die schnelle Transformation von Wirtschaft und Energieversorgung brauchen wir daher eine dauerhafte Stärkung der Energiewendebehörden. Die Landesregierung hat daher die „Taskforce Energiewende“ eingerichtet.

Energieimporte unausweichlich

Es ist angesichts der geopolitischen Abhängigkeiten auf dem Energiemarkt und der damit einhergehenden Risiken eine nationale Aufgabe, zukünftig geeignete und ausreichende LNG-Importinfrastrukturen bereitzustellen. Nach einer Übergangszeit sollen diese neuen Infrastrukturen zügig „grün“ werden.

Grundsätzlich wird Deutschland auch bei einer klimaneutralen Energieversorgung mit erneuerbaren Energien auf Energieimporte angewiesen sein. Die Energieimporte Deutschlands werden dabei deutlich zurückgehen, auch ihre Zusammensetzung ändert sich voraussichtlich grundlegend. Die Größenordnung dieser klimaneutralen Importe ist dabei von diversen Randbedingungen abhängig. Zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit mit klimaneutralen Energieträgern wie Wasserstoff bzw. dessen Derivaten werden jedoch voraussichtlich mehrere Importterminals in Deutschland erforderlich sein.

Wasserstoff als klimaneutraler Energieträger – und seine Derivate – sind wichtige Bausteine in der Klimastrategie des Landes Niedersachsen und der Bundesregierung. Ohne den Einsatz alternativer Energieträger, die aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, werden wir die Klimaziele des Pariser Abkommens nicht erreichen. Insbesondere die Industrie hat vor dem Hintergrund ambitionierter Klimaschutzziele ein Eigeninteresse an der Entwicklung alternativer, emissionsarmer Prozesse, um trotz schärferer Umweltauflagen und steigender Energiekosten weiterhin international wettbewerbsfähig zu bleiben. Bei vielen Anwendungsfällen in der Industrie ist der Einsatz von klimaneutralem Wasserstoff bzw. synthetischen Energieträgern die einzige Alternative, um die energiebedingten CO2-Emissionen im Industriesektor deutlich zu senken – beispielsweise bei der Stahlerzeugung.

Laut LNG-Beschleunigungsgesetz (LNGG) darf die erforderliche immissionsschutzrechtliche Genehmigung zum Betrieb von schwimmenden und stationären landgebundenen LNG-Anlagen nur unter der Maßgabe erteilt werden, dass der Betrieb dieser Anlagen mit verflüssigtem Erdgas spätestens am 31. Dezember 2043 eingestellt wird. Die Genehmigung für einen Weiterbetrieb darüber hinaus darf nur für einen Betrieb mit klimaneutralem Wasserstoff und entsprechenden Derivaten erteilt werden.

Unabhängig davon setzt sich die Landesregierung dafür ein, die LNG-Anlagen so rasch wie möglich und deutlich vor der gesetzlichen Frist in den Betrieb mit klimaneutralem Wasserstoff bzw. entsprechenden Derivaten zu überführen. Zeitpunkt und Umfang der Verfügbarkeit klimaneutraler Gase hängt stark von der Entwicklung der weltweiten Angebotssituation dieser Energieträger sowie den jeweiligen Preisen ab. Eine verlässliche Prognose, ab wann klimaneutrale Gase auf dem Weltmarkt erhältlich sein werden, ist aktuell nicht möglich.

Heute LNG-, morgen Wasserstoff-Terminal

Inwieweit ein LNG-Terminal für den Umschlag von Wasserstoff umgerüstet werden muss, hängt von der jeweiligen Wasserstofftransportform ab. Ein LNG-Terminal kann ohne größeren technischen Aufwand an bestehenden Anlagen und Leitungen für den Umschlag von Ammoniak oder flüssigem synthetischem Methan genutzt werden.

Der Transport von gasförmigem Wasserstoff erfordert sehr hohen Druck oder eine Kühlung auf extrem niedrige Temperaturen, um ihn flüssig zu halten. In flüssigem Aggregatszustand erreicht Wasserstoff wiederum die höchste Dichte. Für den Transport von flüssigem Wasserstoff müssten Anlagen und Leitungen erheblich umgerüstet werden, da die Temperaturen bei flüssigem Wasserstoff deutlich niedriger liegen als bei LNG. Zudem existiert bisher noch kein Wasserstofftransport – im Gegensatz zu LNG – in großem Umfang und über große Entfernungen. Zum einen sind noch technologische Entwicklungen erforderlich, zum anderen fehlen die Transportinfrastruktur und die entsprechenden Standards.

Auch wenn nicht alle Anlagenteile eines LNG-Terminals auf Wasserstoffimport umgestellt werden können, werden gleichzeitig mit den Flüssigerdgas-Terminals auch hierfür wichtige Voraussetzungen geschaffen. So können zentrale Elemente der LNG-Infrastruktur für einen späteren Wasserstoffimport genutzt werden: Die für den LNG-Import bereitgestellten Leitungs- und Speicherkapazitäten braucht es ebenso für den anschließenden Wasserstoffimport. Ähnliches gilt für die hafenseitigen Anbindungsstrukturen, deren Bau wir mit hohem Tempo vorantreiben. Sie müssen ohnehin kurzfristig sowohl für LNG als auch mittel- und langfristig für Wasserstoff zur Verfügung stehen.

Autor: Olaf Lies, Niedersächsischer Wirtschaftsminister, Hannover

Bild: LNG-Terminal Wilhelmshaven mit schwimmender FSRU, Quelle: NPorts_WScheer

Kategorien: 2023 | Allgemein
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