Auf dem Weg zur „grünen Raffinerie“ PCK Schwedt

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24. April 2023

Auf dem Weg zur „grünen Raffinerie“ PCK Schwedt

Die brandenburgischen Medien überbieten sich seit Monaten mit immer kühneren Visionen zur Rolle des Wasserstoffs bei der Rettung der PCK Raffinerie GmbH in Schwedt. Der regionale und öffentlich-rechtliche Sender rbb24 strahlte zu diesem Thema sogar eine Fernsehdokumentation im Abendprogramm aus. Darin wurde mehrfach betont, dass die Produktion und Verarbeitung von grünem Wasserstoff in großen Mengen in der Raffinerie in Schwedt in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Enertrag SE umgesetzt werden solle. Auf Nachfrage des HZwei-Magazins stellte der Enertrag-Pressesprecher Michael Rassinger Anfang März 2023 aber klar, dass es aktuell kein gemeinsames Projekt gebe und sich beide Seiten noch in der Gesprächsphase befänden. Am 5. April folgte nun die Meldung, dass Siemens Energy mit der Erstellung eines technischen Konzepts für die Erzeugung von grünem Wasserstoff in der PCK Raffinerie beauftragt worden sei.

Zuvor gab es große Pläne, aber zunächst wenig Substanz. Im letzten Herbst warb noch Jörg Müller, der Gründer von Enertrag, gemeinsam mit lokalen Politikern für Elektrolyseanlagen in einer Größenordnung von bis zu 300 MW. Jörg Müllers Visionen wurden sowohl von den Medien als auch von der Politik dankbar aufgegriffen.

Müller hatte sich eigentlich am 1. Juli letzten Jahres aus dem Tagesgeschäft von Enertrag zurückgezogen und die Leitung an Dr. Gunar Hering übergeben. Allerdings scheint Müller, der seitdem Aufsichtsratsvorsitzender ist, zumindest in den Medien weiterhin als „Visionär der Energiewende” im Namen des Dauerthaler Unternehmens sprechen zu dürfen. Im Oktober 2022 hatte er mitgeteilt, dass im Zusammenhang mit der Wasserstoffproduktion in der PCK-Raffinerie „die Umstände zwingend“ seien und ein „extrem schnelles Handeln“ erforderten. Rund ein halbes Jahr später sind die Visionen für sein Unternehmen allerdings verflogen.

Jetzt kommt Siemens Energy zum Zug, die den Einsatz mehrerer Elektrolyseure mit einer Größe von insgesamt circa 100 Megawatt anpeilen. Ziel sei, in einem ersten Schritt den bisherigen grauen aus Erdgas erzeugten Wasserstoff durch grünen Wasserstoff zu ersetzen. Ralf Schairer, Sprecher der Geschäftsführung der PCK Raffinerie GmbH, erklärte: „Wir sind überzeugt, dass Raffinerien mit der vorhandenen Infrastruktur auch zukünftig notwendig sein werden. Wir wissen, dass sich unsere Produkte über die nächsten Jahre ändern werden, um die ambitionierten Klimaschutzziele zu erreichen. […] Dieses Basic Engineering in Zusammenarbeit mit Siemens Energy ist ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft.“

Weiter hieß es, grüner Wasserstoff werde eine entscheidende Rolle spielen und an allen nachfolgenden Prozessen beteiligt sein. Mit Unterstützung der Bundesregierung und dem Land Brandenburg könnten die notwendigen Strukturen geschaffen werden, um einen bedeuteten Beitrag zur Erreichung der anspruchsvollen nationalen Klimaziele zu leisten. Brandenburgs Wirtschaftsminister Prof. Jörg Steinbach sagte: „Die Vereinbarung zwischen Siemens Energy und der PCK ist ein wichtiger Schritt zur Neuausrichtung der Raffinerie. Wasserstoff spielt eine tragende Rolle, wenn es darum geht, fossile Energieträger durch erneuerbare Quellen zu ersetzen. […] Für die PCK stellt der Elektrolyseur einen bedeutenden Baustein bei der notwendigen Transformation der Raffinerie hin zu alternativen Energien dar.“

Probleme der PCK-Raffinerie

Die Raffinerie macht gerade eine schwere Zeit durch. Seit ihrer Entstehung im Jahr 1964 war sie von Russland abhängig. Noch bis Ende 2022 wurde ausschließlich russisches Erdöl in der Raffinerie verarbeitet. Besonders prekär ist nach wie vor die Eigentumsstruktur des Unternehmens, das ursprünglich zu über 50 Prozent dem russischen Staatskonzern Rosneft gehörte. Im September 2022 jedoch hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz die Bundesnetzagentur als Treuhänderin über die Rosneft Deutschland GmbH und die RN Refining & Marketing GmbH eingesetzt. Heute liegen die PCK-Anteile zu je 37,5 % bei Rosneft Deutschland und Shell Deutschland. 25 % hat die AET Raffineriebeteiligungs-Gesellschaft inne.

Dem Unternehmen selbst, aber auch der Stadt Schwedt und der Region fällt es dementsprechend mental und ökonomisch schwer, sich von ihrer Geschichte endgültig zu lösen. Die PCK selbst ist somit nicht unbeteiligt daran, dass der Anschein erweckt wurde, dass es eine Wasserstoffkooperation zwischen der regional ansässigen Enertrag und der Raffinerie in Schwedt gebe. Im Spätherbst 2022 hatte die PCK mitgeteilt, dass eine Elektrolyseanlage mit einer Gesamtkapazität von 32 MW in Zusammenarbeit mit der Enertrag geplant sei. Die angekündigten Pläne haben seitdem aber nicht an Dynamik gewonnen und wurden kein weiteres Mal bestätigt.

Die Bürgermeisterin der Stadt Schwedt, Annekathrin Hoppe, die sich redlich um die Erhaltung der Arbeitsplätze bei dem wichtigsten Steuerzahler ihrer Stadt bemüht, erhofft sich ebenfalls etwas aus der visionären H2-Rallye. Schwedt arbeitet an der Gründung einer Strukturentwicklungsgesellschaft, die natürlich deutlich mehr Finanzmittel und weitere Möglichkeiten bekäme, wenn sie in ihrem Portfolio auf einen Wasserstoffstandort verweisen könnte.

Große Visionen

Ohne Zweifel gehört das Unternehmen mit Sitz in der Uckermark zu den führenden Playern bei der Erzeugung von Windenergie und ist Vorreiter in der Technologie für grünen Wasserstoff. Ende Februar 2023 kündigten die Brandenburger an, ab 2024 für den Energiebedarf des Industrieparks Osterweddingen grünen Wasserstoff produzieren zu wollen. Dafür soll in Magdeburg ein 10-MW-Elektrolyseur (PEM: Proton Exchange Membrane) zum Einsatz kommen. Die Anlage wurde bereits im Dezember letzten Jahres bei Elogen, einem Unternehmen der GTT-Gruppe, bestellt.

Die erste Produktionsstufe dafür wird voraussichtlich bei zwei Tonnen Wasserstoff pro Tag liegen. Perspektivisch könnte solch ein Elektrolyseur sein Output auf bis zu fünf Tonnen am Tag steigern. Noch Ambitionierteres plant Enertrag in Namibia, wo für fast 10 Mrd. US-$ eine H2-Produktionsanlage für jährlich 300.000 Tonnen grünen Wasserstoff aufgebaut werden soll (s. HZwei-Heft Okt. 2021).

Diese Projekte machen deutlich, welche Größenordnungen und Potenziale im Bereich der H2-Produktion aktuell bei Enertrag im Gespräch sind.

In einer Stellungnahme teilte Enertrag noch Mitte März 2023 der HZwei-Redaktion mit: „Wir arbeiten derzeit an einer Machbarkeitsstudie, die wir voraussichtlich Ende April veröffentlichen.“

AutorInnen: Aleksandra Fedorska, Sven Geitmann

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