Ambitionierte Ziele, aber auch realistische?

Bildtitel: Habeck
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21. Februar 2023

Ambitionierte Ziele, aber auch realistische?

Ein Stimmungsbild von Handelsblatt-Energiegipfel von Sven Jösting

Der diesjÀhrige Handelsblatt-Energiegipfel in Berlin (17. bis 19. Januar 2023) hat sich vor allem Themen wie dem Klimawandel, der Energiesicherheit (Ukraine-Krieg) und dem Themenkomplex Wasserstoff gewidmet.

Die Ziele des Wirtschaftsministers Robert Habeck sind sehr anspruchsvoll, via Dekarbonisierung durch den Auf- und Ausbau der regenerativen Energien fĂŒr saubere Energie zu sorgen. 80 Prozent des Energiebedarfes Deutschlands soll bis 2030 regenerativen Ursprung haben. Ob indes diese Energien in Deutschland selbst produziert werden können oder aus dem Ausland zu uns kommen werden, wird die Zukunft zeigen. Man bedenke: Allein der Bedarf an Strom fĂŒr batterieelektrische KFZ (es sollen hier allein in Deutschland 15 Millionen eFahrzeuge bis 2030 auf den Strassen fahren) und WĂ€rmepumpen wird gewaltig sein. Auf jeden Fall wird Wasserstoff eine immer wichtigere Rolle spielen – perspektivisch soll es ja der grĂŒne sein – aber vor allem wird der blaue Wasserstoff via Erdgasreformierung (hier noch CO2-Abdruck, wenn auch 70 Prozent weniger) noch lange sehr wichtig sein. Es gilt, die Kraftwerke und Gaskraftanlagen H2-ready zu machen und vor allem die Infrastruktur (Pipelines fĂŒr Wasserstoff oder als Beimischung (Blending) in den Gaspipelines) zu entwickeln. Eine Pipeline fĂŒr blauen Wasserstoff aus Norwegen ist da ein erster richtiger Schritt – es werden sicherlich weitere (DĂ€nemark?) folgen. Europa wĂ€chst da energiepolitisch zusammen. Man denkt immer mehr europĂ€isch, wenn es um den Strom, die Nutzung, die Infrastruktur und die Mengen an notwendigem Wasserstoff geht. Anders denkt die Industrie und die Versorger. Hier sieht man vor allem Gefahren, die sich aus der Regulatorik und der begleitenden BĂŒrokratie ergeben und dem Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft im Wege stehen. Da sollte es einen europĂ€ischen Inflation Reduction Act vergleichbar dessen geben, was die US-Regierung Biden auf den Weg gegeben hat: dort werden Anreize fĂŒr privates Investment geschaffen aber es dem Markt ĂŒberlassen, die staatliche Förderung fĂŒr sich zu nutzen. Förderung erhĂ€lt nur, der im eigenen Land produziert. Und es könne sogar im Gegenteil noch erschwerend dazu fĂŒhren, dass Unternehmen und Investoren vor allem dann in den MĂ€rkten (USA?) aktiv werden, da dort besseren Rahmenbedingungen bestehen. Bei all den PlĂ€nen bedarf es auch einer realistischen Sicht, denn 200 GW bis 2030 und 300 GW-plus bis 2024 wollen auch realisiert werden. Da stellen sich Fragen der Machbarkeit: Lieferketten, Rohstoffpreise, Facharbeiter, KapazitĂ€ten fĂŒr Elektrolyseure und die Strom- wie auch das Pipelinenetze und Terminals mĂŒssen stehen, bevor da Wasserstoff – auch via grĂŒnem Ammoniak oder Methanol – transportiert werden kann. Bei all diesen Zielen ist vor allem die Business-Logik gefragt aber nicht die Logik manches Politikers und mancher Partei wie auch mancher Behörde und Regulierungsstelle. Und Energie – als Strom in den notwendigen Mengen und von den Erzeugungskosten aus gesehen – wird immer mehr zum Standortfaktor fĂŒr Unternehmen, wie man dies nun bei verschiedenen geplanten Batteriefabriken unschwer sehen kann. Da kann Energie – wenn mit zu vielen Belastungen (Abgaben, GebĂŒhren) versehen – gar zur De-Industrialisierung fĂŒhren. Kurzum auf Deutschland bezogen: die Energiewende darf/sollte nicht alleinige Sache der Politik sein, sondern durch marktwirtschaftliches Verhalten getrieben werden. Es kann nicht sein, um ein Beispiel zu geben, dass im „Verwaltungseifer“ die Genehmigung eines Windparks 70 Monate dauert. Bei Lubmin (LNG-Terminal) ging alles in 8 Monaten! Geht doch! Die Regulatorik via Genehmigungsprozessen (EU und Deutschland) gilt es zu entschlacken und zu beschleunigen.

Es sollen bislang nur bestimmte Branchen gefördert werden (grĂŒner Stahl), wĂ€hrend man Wasserstoff in der MobilitĂ€t (Schwertransport) noch nicht sehen will. Letztendlich sollte der Wasserstoff – wenn ausreichend verfĂŒgbar – da zum Einsatz kommen, wo es Sinn macht und sich rechnet, so mein Fazit aus diversen VortrĂ€gen. Der Markt und die Unternehmen stehen bereit, brauchen aber Planungs- und Umsetzungssicherheit. Und auch ein AbrĂŒcken der Ziele, Deutschland zum Eigenversorger via regenerativer Energien zu machen, ist geboten, denn – auch das hat der Kongress ergeben – wird Deutschland weiter 80 Prozent-plus seiner Energie einfĂŒhren mĂŒssen, nur halt statt fossiler EnergietrĂ€ger wie Öl, Erdgas oder Kohle dann perspektivisch Wasserstoff in verschiedenen Farben und nicht mehr grau als Erdgas oder via LNG. Hier spielt auch immer die Grundversorgung (Grundlast der Energiesysteme) eine wichtige Rolle, da Strom und WĂ€rme 24/7 verfĂŒgbar sein muss.

ElektromobilitĂ€t: Wasserstoff und die Brennstoffzelle werden da eindeutig eine gewichtige Rolle spielen (angefangen im Schwerlastverkehr auf Langstrecke, ZĂŒge/Loks) wie auch wasserstoffbasierte e-Fuels. LĂ€nder wie SĂŒdkorea, Japan und perspektivisch China werden da Vorgaben machen und sich zu Frontrunnern entwickeln, denen die anderen zwangslĂ€ufig folgen, wollen sie nicht abgehĂ€ngt werden. Sonst ergeht es der deutschen KFZ-Industrie wie bei der Batterie, die durch China durch umfassende Subventionierung und Förderung (Kaufanreize durch ZuschĂŒsse) auf den Weg gebracht worden ist.

Politik ĂŒberfrachtet das Thema Energie, deswegen ist differenziertes Denken und Handeln erforderlich. Man solle, so ein Take aus diversen VortrĂ€gen, nicht seitens der Politik den Fehler machen, Industriepolitik mit Energiepolitik sowie Wirtschaftspolitik und zudem Verteilungspolitik zu vermischen. Es bestĂŒnde die Gefahr der Überfrachtung, die im Endeffekt sogar zu einer falschen Standortpolitik fĂŒhren kann.

Zahlen schaffen Klarheit

Die UniversitĂ€t Köln hat eine Studie prĂ€sentiert, die den Energiebedarf fĂŒr Deutschland in den kommenden Jahren ermittelt hat.

2022: 48 Terrawatt Energieverbrauch (erdgasbasiert, Kohle-/Kernkraft u.v.a.)

2030 (Prognose): 61 Terrawatt Energieverbrauch + Energie (Wasserstoff fĂŒr Stahl) und ElektromobilitĂ€t (batterieelektrische)

2045 (Prognose): 500 Terrawatt (fĂŒr Verkehr, GebĂ€ude, Backup. Strom allgemein)

Blauer Wasserstoff (via Erdgasreformierung) wird bis 2025 der dominante Wasserstoff sein; CO2-Emissionen daraus via CCU/CCUS wird eingelagert oder fĂŒr eFuels genutzt.

Bis 2030 soll es 10 GW an Elektrolyseleistung geben = das entspricht 28 Terrawatt Wasserstoff/Energie (nach heutigem Stand werden es eher nur 15 Terrawatt sein)

33 bis 46 Terrawattstunden pro Jahr werden importiert werden mĂŒssen (Produktionspartnerschaften, Aufbau der notwendigen Infrastruktur) vor allem aus diesen LĂ€ndern: Kanada, Saudi Arabien, Algerien, Norwegen u.a.

KostengĂŒnstigster Transport via Pipeline aber in großen Mengen auch per Schiff (grĂŒner Ammoniak und grĂŒnes Methanol) – Kosten per Pipeline aktuell berechnet mit 3 Euro/KG und per Schiff 5 Euro/kg.

Weitere Erkenntnisse von den Kongressrednern

Der Bedarf an ProzesswĂ€rme wird in den kommenden Jahrzehnten auf 400 Terrawatt pro Jahr steigen. Es muss massiv in die Infrastruktur investiert werden = Pipeline fĂŒr Wasserstoff, Beimischung via Blending in bestehende; Terminals fĂŒr Wasserstoff und Derivate (Ammoniak) so wie aktuell LNG-Terminals entstehen (zĂŒgige Genehmigung & Bau). 2022 waren ĂŒber 80% der Kfz-Verbrenner, 2030 werden immer noch 30 Millionen KFZ in Deutschland Verbrenner sein. Hier wird das Thema eFuels sehr wichtig werden (wasserstoffbasiert).

Forderungen der Industrie und der Versorger

  • Clusterung des Energiebedarfs
  • VerstĂ€rkt auf unternehmerische Entscheidungen setzen
  • Planungs- und Investitionssicherheit statt Planwirtschaft
  • Systemisch denken (H2-Autobahnen (Pipelines) und H2-Verteilnetze)
  • weg von ideologischen und dogmatischen Sichtweisen (Politik)
  • Steuerung von Lasten und dynamische Stromtarife (Abgaben als Prozentsatz und nicht fix)
  • Verbraucher motivieren, ihr Verhalten zu Ă€ndern (weniger Strom- und WĂ€rmebedarf)

Inflation Reduction Act

Die Amerikaner haben durch ihr eigenes Klimapaket ausgedrĂŒckt im 369-Mrd-US-$ schweren „Inflation Reduction Act“ Europa völlig ĂŒberrascht und sogar in gewisser Weise ĂŒberholt, da man marktwirtschaftlich an das Thema herangeht, also ein BĂŒndel an Maßnahmen auf den Weg gebracht hat, welche die Unternehmen fĂŒr sich zu nutzen wissen. Beispiel: ZuschĂŒsse fĂŒr die Produktion von Wasserstoff (3 US-$ pro KG). Dass dies protektionistische ZĂŒge trĂ€gt, liegt auf der Hand, da buy + produce in America die Bedingung ist, Fördergelder, ZuschĂŒsse + Co zu erhalten. Beispiel: Batterieelektrische KFZ in die USA zu exportieren, könnte dort zum Ausfall von Kaufanreizen (ZuschĂŒsse – subsidies) fĂŒhren und damit einen gewichtigen Kaufanreiz fĂŒr Amerikaner vermissen lassen. (ein Freihandelsabkommen mit den USA bietet sich an). Auf der anderen Seite ist es in immer mehr LĂ€ndern der Welt so ist, dass vor Ort produziert werden muss (ArbeitsplĂ€tze u.a. dort entstehen) und dies (Lieferketten vor Ort) nun noch verstĂ€rkt kommen wird. Europa steht sich da in mancherlei Hinsicht im Weg, da man (BĂŒrokratie, Regulatorik) alles bis ins kleinste Detail geregelt wissen will und damit dem Hochlauf Grenzen setzt.  Und: Vereinheitlichung der LeitfĂ€den, denn es scheint, dass alle BundeslĂ€nder jeweils ihre eigenen haben, was man auch auf die EU ĂŒbertragen kann. Ein europĂ€isches 350 Mrd.-Euro-Programm fĂŒr das Klima (Net Zero Act) als Antwort auf den IRA ist da eine gute Antwort. Der Inflation Reduction Act ist geradezu die perfekte Blaupause.

Sven Jösting

Quellenangabe: Quelle: Handelsblatt

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