Bei Nikola Motors kommt’s anders als gedacht

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12. November 2022

Bei Nikola Motors kommt’s anders als gedacht

Statt 300 bis 500 batterieelektrische Lkw im Jahr 2022 werden es nur 120 bis 170 Einheiten im laufenden vierten Quartal, so dass die Gesamtmenge weit unter 300 liegen wird. Nikola will die Produktion jetzt langsamer angehen, um die Kostenstruktur des Unternehmens besser auszuloten. Die Reduzierung der Belegschaft im batterieelektrischen Bereich um bis zu sieben Prozent war ebenfalls so nicht zu erwarten gewesen. Allerdings dĂŒrfte es auch bald wieder Neueinstellungen geben, wenn in 2023 die KapazitĂ€ten bei 20.000 Einheiten auf Jahresbasis erreicht sind und NeuauftrĂ€ge vorliegen. Auch die erfolgte Übernahme von Romeo Power wird in der Integrationsphase zunĂ€chst Geld kosten, bis sich die Kostensenkungspotentiale richtig auswirken. Nichts anderes habe ich erwartet, da man diese neue Tochter und ihre Produktionslinien erst einmal integrieren muss, bevor hieraus sehr positive Wirkungen – wir sprechen von Kostensenkungspotentialen von bis zu 90 Prozent – zu sehen sind.

Die Zukunft liegt beim Tre FCEV

Unbetroffen davon sind die PlĂ€ne fĂŒr die Produktion des wasserstoffbetriebenen Tre FCEV, der wie geplant ab der zweiten JahreshĂ€lfte 2023 in die Produktion gehen wird. Testreihen sowohl mit dem Tre FCEV als auch mit dem Tre BEV laufen bereits mit Unternehmen wie Anheuser Busch und Walmart. Bei letzterem hat Nikola fĂŒr 16,5 Mio. US-$ in der NĂ€he Land gekauft, um eine Wasserstoffinfrastruktur zu installieren. Hier kommen anscheinend AuftrĂ€ge, warum sonst diese NĂ€he?

Ausreichend Bargeld fĂŒr ĂŒber zwölf Monate

Bislang hat Nikola Motors den Aufbau der ProduktionsstĂ€tte in Arizona wie auch das Invest in den Themenkomplex Wasserstoff (Produktionsanlagen, H2-Tankstellen) völlig eigenkapitaluntersetzt finanziert – durch die Ausgabe von Aktien. Das Unternehmen ist schuldenlos, wenn auch sicherlich manche Verbindlichkeit aus laufenden VertrĂ€gen BerĂŒcksichtigung finden muss. Der Eigenkapitalstand per 30. September 2022 betrug 403,8 Mio. US-$ sowie eine Finanzierungszusage ĂŒber 312.5 Mio. US-$ des Wagnisfinanziers Tumin, die via Ausgabe weiterer Aktien eingelöst werden kann, aber bei den aktuell sehr niedrigen Aktienkursen nicht wirklich Sinn macht.

ATM-Programm besser durch Kredite ersetzen

Das laufende ATM-Programm (Verkauf/Platzierung ĂŒber die Börse) in Höhe von 400 Mio. US-$ ist bereits mit circa 100 Mio. US-$ genutzt worden. Hierin sehe ich indes eine Problematik, da man nirgends von einem Minimumpreis pro Aktie spricht und somit Citicorp als beauftragte Bank zu „jedem“ Kurs Aktien am Markt unterbringen kann und dies – ohne Obligo – wohl auch tut. FĂŒr die Shortseller – es sind bereits ĂŒber 100 Mio. Aktien leer verkauft (31.10.22) – ist dies natĂŒrlich eine Steilvorlage, da der Eindruck vermittelt wird, Nikola wĂŒrde zu jedem Kurs Aktien verĂ€ußern wollen, ohne die VerwĂ€sserungseffekte zu berĂŒcksichtigen.

Ich frage mich, ob es nicht besser wĂ€re, vorausschauend Kredite zu beantragen, als den Aktienkurs psychologisch selbst unter Druck zu bringen. Denn mit ĂŒber 400 Mio. US-$ in der Bank und ĂŒber 300 Mio. US-$ weiteren Linien (Tumim) braucht es das ATM-Programm aktuell ja gar nicht, und höhere Kurse – bei guten Nachrichten (AuftrĂ€ge) – bedingen weniger Aktienausgabe, oder? Nikola sollte das ATM-Programm sofort stoppen, was auch den Shortsellern den „Wind aus den Segeln“ nĂ€hme.

Der Aufbau der notwendigen Infrastruktur fĂŒr Wasserstoff geht seinen Weg: 50 bis 60 Wasserstofftankstellen sollen bis Ende 2026 von dem Unternehmen betrieben werden. Damit setzt Nikola Akzente, zumal davon auszugehen ist, dass nicht nur eigene BZ-Lkw dort zum Tanken fahren werden, sondern perspektivisch auch die wasserstoffbetriebenen Trucks von Wettbewerbern. Nikola muss nur sicherstellen, den Wasserstoff in der richtigen Menge und zum richtigen Kurs (US-staatliche wie auch bundesstaatliche Förderung von 3 US-$ pro kg) verfĂŒgbar zu halten und nach Möglichkeit selbst zu produzieren.

Denn vor allem mit dem Consumable H2 will Nikola Geld verdienen. Man spricht gar von einer angepeilten Menge von 300 Tonnen H2 am Tag 2026, was allein schon einem Umsatz von ĂŒber 300 Mio. US-$ entsprechen könnte. In 2022 soll die Produktionsmenge von Wasserstoff bei 30 Tonnen/Tag liegen und dann in 2024 auf 150 Tonnen/Tag steigen. Mit KeyState Natural Gas wurde kĂŒrzlich ein Abkommen fĂŒr die Lieferung von 100 Tonnen/Tag Wasserstoff ab 2026 vereinbart. 2.500 Nikola Tre-FCEV können damit tĂ€glich betankt werden.

Takes aus der Telefonkonferenz

Die prĂ€sentierten Zahlen lagen im Bereich der Erwartungen: Im dritten Quartal betrug der Umsatz 24,2 Mio. US-$, was mit der Auslieferung von 63 batterieelektrischen Lkw Tre BEV und einer Ladestation (MCT) zusammenhĂ€ngt. Im zweiten Quartal hat Nikola 48 Lkw und 4 MCT ausgeliefert. Der Verlust betrug 263,2 Mio. US-$ bzw. minus 0,54 US-$ pro Aktie GAAP-Rechnungslegung und minus 0,28 US-$ pro Aktie non-GAAP – im Rahmen der Erwartungen.

Da sich der Aufbau der Ladeinfrastruktur fĂŒr die Lkw verzögert (Genehmigungsverfahren, Installation, Strombeschaffung u.a.) wird Nikola das Tempo im Produktionsaufbau erst einmal senken, zumal man aktuell noch pro Fahrzeug hohe Verluste macht, bis sich dies im Jahresverlauf 2023 Ă€ndern wird, wenn die Fertigungslinien fĂŒr die Batterien (Bosch und Romeo Power – post-aquisition integration) stehen und die Kosten dramatisch senken lassen. Dies sei aber in einer solchen FrĂŒhphase („early stage adoption“) normal, hieß es.

Klare Absage an den SUV Bagger. Zuvor waren GerĂŒchte aufgekommen, Nikola wolle diesen nun doch bauen. Man konzentriert sich aber vollends auf emissionsfreie Lkw = batterieelektrisch und mit Wasserstoff. Die ehrgeizigen Ziele fĂŒr den Produktionsaufbau – wir sprechen von 20.000 Einheiten beider Fahrzeugtypen in 2023 – werden nun verschoben auf das Jahr 2024, wobei damit circa 345 Mio. US-$ weniger Kapitalbedarf besteht.

Die Testreihen mit Unternehmen wie TTSI fĂŒr Anheuser Busch laufen fĂŒr beide Modelle sehr gut – bereits 9.700 Meilen im Tagesbetrieb bei Anheuser Busch und bei Walmart 5.500 Meilen fĂŒr batterieelektrische und 2.700 Meilen bei den wasserstoffbetriebenen. In diesem Jahr werden insgesamt 17 Beta-Versionen des Tre FCEV- ausgeliefert – fĂŒr Testreihen. Die Kosten fĂŒr die Anlieferung von importierten Komponenten – statt Luftfracht wieder auf dem Schiffsweg – konnten im dritten Quartal erheblich von 84 auf 33 Prozent gesenkt werden wie auch die Lieferketten verbessert wurden. Und dann kam kĂŒrzlich der Auftrag von Zeem Solutions ĂŒber 100 Tre BEV herein – ein gutes Zeichen.

Sehr positiv zu bewerten ist die Partnerschaft mit Iveco, da diese ja auch fĂŒr das Joint Venture das HĂ€ndlernetz in Europa stellen. In Europa sollen nun bis 2028 alle 100 km (vorher hieß es 150 km-Radius) H2-Tankstellen entstehen. Hierbei arbeitet Nikola auch mit E.ON zusammen. Zudem hat Nikola kĂŒrzlich mit ChargePoint Holding (einer der weltweit grĂ¶ĂŸten Ladestationsanbieter – deren Netzwerk ist grĂ¶ĂŸer als das von Tesla) ein Partnerschaftsagreement abgeschlossen, um die Strombelieferung fĂŒr die Tre BEV sicherzustellen, eine Grundvoraussetzung fĂŒr den Absatz dieser Lkw.

Shortseller dominieren den Börsenhandel

Die Shortseller sind sehr aktiv bei Nikola am tĂ€glichen Börsenhandel beteiligt. Nikola hat leider da auch – sicher ohne Absicht – manche Steigvorlage geliefert (s. Guidance und ATM-Programm). Nun kam hinzu, dass zwei Wandelanleihen (8% & 11 % Laufzeit 2026) [geĂ€ndert 12.11.2022] gewandelt werden bzw. die zugrunde liegenden Aktien registriert und damit ĂŒber die Börse – theoretisch – verĂ€ußert werden können. Wir sprechen von 48 Mio. Aktien als Gegenwert [geĂ€ndert 12.11.2022]. Interpretation: Die Wandlung einer Wandelanleihe kann unter UmstĂ€nden sehr sinnvoll sein, wenn es da gĂŒnstige Bedingungen (entsprechender Kurs) gibt.

Last but not least gab es eine Veröffentlichung, dass der Noch-CEO Marc Russel basierend auf einem steuerlich-argumentierten VerĂ€ußerungsplan Optionen wandeln, in Aktien tauschen und den Gegenwert (wir sprechen ĂŒber 75.000 Aktien/Handelstag, [geĂ€ndert 12.11.2022]) via Verkauf realisieren lĂ€sst. Der Gesamtbetrag bei Russell mag – relativ – klein sein, aber natĂŒrlich ist es nicht gut, wenn ein Top-Manager – aus welchen GrĂŒnden auch immer – Aktien verkauft. Bei den Shortsellern könnte man von einer Manipulation sprechen, da in Foren (Nikola-Shareholders-Group bei Facebook und Yahoo Finance) darĂŒber diskutiert wird, dass es sich bei vielen Trades um sogenanntes Naked Shorting handeln könnte, d.h. dass Aktien ĂŒber die Börse gehandelt werden (leer verkauft werden), die es gar nicht gibt und wo die Eindeckung in jeweils sehr kurzer Zeit erfolgen muss.

Da bestimmen Daytrader (Zocker?) das Geschehen. Zudem sind SicherheitsbetrĂ€ge (als Eigenkapital) zu hinterlegen fĂŒr Aktien, die auf ĂŒber 70 Prozent des Tageswertes gestiegen sind. Das heißt, es gibt keine bzw. kaum Aktien, die zum Leerverkauf „ausgeliehen“ werden können. Bedenken Sie: LeerverkĂ€ufer setzen auf fallende Kurse und haben großes Interesse, hier fĂŒr entsprechende Stimmung zu sorgen. Hier erwarte ich – bei guten News – die Chance auf einen echten Short-Squeeze.

Fazit: Man muss einfach nur Zeit mitbringen. Nikola ist positiver Frontrunner bei batterieelektrischen wie auch wasserstoffbetriebenen Lkw. Der richtige Hochlauf wird im Laufe des Jahres 2023 zu sehen sein, wobei ich manchen (Groß-)Auftrag (s. Walmart) erwarte, da sich immer mehr Logistiker hier neu aufstellen wollen und dies auch rechtlich (Emissionsvorgaben) mĂŒssen. Nikola deckt beide Bereiche ab, wobei meines Erachtens der viele spannendere – weil damit auch mehr Geld verdient wird – im Wasserstoff liegt.

Die Shortseller haben noch wichtigen Einfluss, der aber in 2023 zu Ende geht, wenn Nikola liefert, was fĂŒr das nĂ€chste Jahr geplant ist. Dass das alles lĂ€nger als ursprĂŒnglich gedacht dauert, liegt in der Natur der Sache eines Start-ups. Große Fantasie besteht immer, sollten Partner wie Iveco hier ihren Anteil aufstocken. Oder wenn AuftrĂ€ge eingenommen werden, denn Börse ist 50 Prozent-plus Erwartung (Kostolany).

Wir befinden uns im Aufbau eines First Movers in Sachen Wasserstoff im Nfz-Sektor. Mit einer Börsenbewertung in Höhe von 1,2 Mrd. US-$ und 700 Mio. US-$ an liquiden Mitteln (ohne ATM-Programm) ĂŒbertreibt die Börse massiv nach unten, so meine subjektive Sicht der Dinge. Hoch-spekulativ aber mit gleichzeitig sehr großem Potential. Sehen Sie Nikola Motors als Kaufoption auf Wasserstoff im Nfz-Verkehr und an der Börse an.

Risikohinweis
Jeder Anleger muss sich immer seiner eigenen RisikoeinschĂ€tzung bei der Anlage in Aktien bewusst sein und auch eine sinnvolle Risikostreuung bedenken. Die hier genannten BZ-Unternehmen bzw. Aktien sind aus dem Bereich der Small- und Mid-Caps, d. h., es handelt sich nicht um Standardwerte, und ihre VolatilitĂ€t ist auch wesentlich höher. Es handelt sich bei diesem Bericht nicht um Kaufempfehlungen – ohne Obligo. Alle Angaben beruhen auf öffentlich zugĂ€nglichen Quellen und stellen, was die EinschĂ€tzung angeht, ausschließlich die persönliche Meinung des Autors dar, der seinen Fokus auf eine mittel- und langfristige Bewertung und nicht auf einen kurzfristigen Gewinn legt. Der Autor kann im Besitz der hier vorgestellten Aktien sein.

Sven Jösting, 10. November 2022

Quellenangabe:

3 Kommentare

  1. Kai Rixrath

    Sehe ich Àhnlich!

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  2. Kai Rixrath

    Sehe ich zumindest bei Nikola genauso wie Du!

    Antworten
  3. Daniel

    Nikola – Das Pedant zu Tesla

    Bei dem jetzigen Preis eine Aktie mit gewaltigem Renditepotenzial wie ich finde. Zumindest auf die nÀchsten Jahre bezogen. Ich sehe die Aktie in einigen Jahren bei mindestens 50-60 Euro. Ich habe die Aktie schon lÀnger auf dem Schirm, aber sie ist mir bisher immer noch zu teuer gewesen.

    Jetzt so langsam und allmĂ€hlich nĂ€hert sie sich einem Preis, bei dem ich bald zuschlagen werden. Ich versuche immer das absolute Tief zu erwischen. Bisher ist mir das – bis auf ganz wenige Ausnahmen – immer gelungen.

    Bei der Lilium-Aktie stehe ich auch schon in den Startlöchern.

    Beste GrĂŒĂŸe und weiterhin viel Erfolg.

    Daniel

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