Das H2-Netz der Zukunft entwickelt sich aus dem Gasnetz der Gegenwart

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20. April 2023

Das H2-Netz der Zukunft entwickelt sich aus dem Gasnetz der Gegenwart

Derzeit wird heftig darĂŒber diskutiert, ob die bisherigen Betreiber der Erdgasnetze auch die zukĂŒnftigen Wasserstoffnetze managen sollten. Die EU-weit geltenden Regularien zum Unbundling sehen eine Entflechtung der TĂ€tigkeiten von Netzbetreibern vor. Laut Bundesnetzagentur sind „Transparenz und diskriminierungsfreie Ausgestaltung des Netzbetriebs Grundvoraussetzungen, um Wettbewerb in den vor- und nachgelagerten Bereichen der Wertschöpfungskette zu fördern und Vertrauen bei den Marktteilnehmern zu schaffen“, weshalb eine Entflechtung (engl. unbundling) essentiell sei. Diese Vorgabe betraf bislang nur die Strom- und Erdgasnetze. Jetzt aber, da ein europaweites H2-Netz aufgebaut werden soll, stellt sich die Frage, welche Regeln dann fĂŒr ein solches gelten sollen.

Die EU-Kommission möchte die Regelungen auf europĂ€ischer Ebene vereinheitlichen und ĂŒberarbeitet deswegen aktuell die EU-Gasbinnenmarktrichtlinie und -verordnung. Nach deren bisherigem Entwurf soll fĂŒr die Zukunft gelten, dass Verteilernetzbetreiber ihre Wasserstoffnetze verĂ€ußern mĂŒssten, wobei maximal eine Minderheitsbeteiligung mit eingeschrĂ€nktem Stimmrecht möglich wĂ€re. Die VerĂ€ußerung aus dem Konzern wĂ€re dann Pflicht, wenn das Energieversorgungsunternehmen bereits ein Gas- oder Stromnetz betreibt, was zur Folge hĂ€tte, dass fast alle Ferngasnetzbetreiber in Deutschland ihren H2-Betrieb ausgliedern mĂŒssten. Einen Anreiz, bestehende Gasnetze auf Wasserstoff umzurĂŒsten, gĂ€be es somit nicht, was jedoch der Zielsetzung der aktuellen Politik sowie der Nationalen Wasserstoffstrategie entgegensteht.

Dass die EU dennoch diesen Weg favorisiert, liegt daran, dass sie von anderen Rahmenbedingungen ausgeht, als sie beispielsweise auf nationaler Ebene (z. B. in Deutschland) vorherrschen. So differenziert die EU in ihrem Gesetzesvorschlag nicht zwischen Fernleitungsnetzbetreibern und Verteilnetzbetreibern. Die Besonderheiten des deutschen Rechtes bleiben somit unberĂŒcksichtigt. Zudem setzt sie nicht auf eine großflĂ€chige UmrĂŒstung bestehender Erdgasnetzinfrastruktur, sondern auf die Herstellung klimaneutraler Gase, die in das bestehende Erdgasnetz eingespeist werden sollen. Der Betrieb reiner Wasserstoffnetze wird eher als ErgĂ€nzung zum bestehenden Methannetz gesehen, wĂ€hrend Deutschland reine Wasserstoffnetze als Standard ansieht.

Dr. Ehler begrĂŒĂŸt neue Gesetzgebung

Am 9. Februar 2023 hat der Ausschuss fĂŒr Industrie, Forschung und Energie des EuropĂ€ischen Parlaments ĂŒber die GesetzgebungsvorschlĂ€ge des GasmĂ€rkte- und Wasserstoffpakets abgestimmt. Dazu erklĂ€rt der Brandenburger CDU-Europaabgeordnete und industrie- und energiepolitische Sprecher der EVP-Fraktion Dr. Christian Ehler:

„Um die EU-Klimaziele zu erreichen und unsere produzierende Wirtschaft zu dekarbonisieren, muss unser Energiesystem ganz massiv umgebaut werden. Das GasmĂ€rkte- und Wasserstoffpaket ist ein ganz entscheidendes PuzzlestĂŒck fĂŒr die gesamte Fit-for-55-Gesetzgebung und das EU-Instrument zur Dekarbonisierung im Gassektor. Diese wird, insbesondere fĂŒr die Industrie, nur mit Wasserstoff und der entsprechenden Infrastruktur funktionieren.

Es ist nun von grĂ¶ĂŸter Bedeutung, den Wasserstoffmarkt anzukurbeln, indem die Wasserstoffproduktion schneller und unbĂŒrokratischer gestaltet wird und dringend ein Plan zur Schaffung eines EuropĂ€ischen Wasserstoff-Backbone (EHB) entwickelt wird. Der EuropĂ€ische Wasserstoff-Backbone bietet die Möglichkeit, die europĂ€ische Industriewirtschaft wiederzubeleben und gleichzeitig die WiderstandsfĂ€higkeit des Energiesystems, eine grĂ¶ĂŸere EnergieunabhĂ€ngigkeit und die Versorgungssicherheit in ganz Europa zu gewĂ€hrleisten.

Mit den heutigen Abstimmungen wurden nun seitens unseres Ausschusses zentrale Weichen gestellt. In sehr vielen Punkten enthalten die beiden abgestimmten Dossiers eine deutliche Verbesserung gegenĂŒber dem Kommissionsvorschlag. Das gilt insbesondere fĂŒr die Entflechtungsregeln in der Richtlinie. Alle Entflechtungsmodelle, die wir vom heutigen Gas- und Strommarkt kennen, sollen zeitlich unbegrenzt zur VerfĂŒgung stehen. Dies wird Anreize fĂŒr die Umnutzung bestehender Pipelines zu Wasserstoffpipelines schaffen, da die Netzbetreiber von ihren Investitionen in die Wasserstoffinfrastruktur profitieren werden.

Nach dem Vorschlag der Kommission mĂŒssten diese ihre Wasserstoffinfrastruktur im Jahr 2030 verkaufen, was sie unweigerlich davon abhalten wĂŒrde, in die Wasserstoffinfrastruktur zu investieren, und sich folglich negativ auf die Entwicklung eines Wasserstoff-Backbones auswirken wĂŒrde.

Wasserstoff bietet große Chancen fĂŒr Brandenburg, es ist ein attraktiver Standort fĂŒr eine Elektrolyseindustrie. Die Energiewende kann nur unter Einbeziehung gasförmiger EnergietrĂ€ger gelingen. Bedauerlicherweise werden die vielen Weichenstellungen in den VorschlĂ€gen der EU-Kommission aber durch einzelne Regelungen behindert. Denn die VorschlĂ€ge gehen fĂ€lschlicherweise davon aus, dass sich der Gasbedarf der Wirtschaft durch eine Konzentration auf das Fernleitungsnetz unabhĂ€ngig von Braunkohle bewerkstelligen lasse.

TatsĂ€chlich beziehen heute die meisten Gewerbekunden in Deutschland Gas ĂŒber diese Verteilernetze. Der Ansatz der EU-Kommission bedurfte deshalb einer Korrektur. Gasverteilnetze dĂŒrfen kĂŒnftig nicht vom Wasserstofftransport ausgeschlossen werden. Ganz Brandenburg sollte sich als Energie-Modellregion definieren. Wasserstoff wird hier – neben seinem Einsatz als Brennstoff – als Speicher und Transportmittel dienen. Ziel ist es, die mĂ€rkischen Industrie- und Erzeugungsstandorte fĂŒr grĂŒnen Wasserstoff an das zukĂŒnftige europĂ€ische Wasserstoffnetz anzubinden.

Wir haben heute festgelegt, wie erneuerbare und kohlenstoffarme Gase leichter in das bestehende Gasnetz eingespeist werden können und wie der Aufbau einer speziellen Wasserstoffinfrastruktur und eines eigenen Wasserstoffmarktes ermöglicht werden soll. Das Wasserstoffnetz der Zukunft wird sich aus dem Gasnetz der Gegenwart entwickeln. Die heute beschlossenen Rahmenbedingungen werden helfen, das Wasserstoffnetz mit der erforderlichen Geschwindigkeit und dem erforderlichen Know-how einzurichten.“

Autor: Sven Geitmann

Bild: Dr. Christian Ehler, Quelle: C. Ehler

Quellenangabe:
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