Japan geht voran – Deutschland bleibt zurĂŒck

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15. Mai 2017

Japan geht voran – Deutschland bleibt zurĂŒck

Scheppat

Pavillon-Organisatorin S. Frank u. B. Scheppat (r.), © Peter Sauber


Der deutsche Pavillon auf der 13. FC Expo in Tokio war vom 1. bis 3. MĂ€rz 2017 voll besetzt. Mit von der Partie war auch wieder die H2BZ-Initiative Hessen. Prof. Dr. Birgit Scheppat, Vorstandsmitglied und Professorin der Hochschule RheinMain, konnte sich direkt vor Ort ein Bild machen und berichtet an dieser Stelle fĂŒr die HZwei aus Japan.
Die Ausstellung hatte ungefĂ€hr die gleichen Ausmaße wie letztes Jahr – laut Veranstalter waren es rund 280 StĂ€nde, allerdings mit einer Reihe neuer Firmen. Neben dem deutschen Stand gab es einen aus Norwegen, Frankreich sowie aus Taiwan. Nordamerika war mit beiden LĂ€ndern vertreten, allerdings gab es dort nichts Neues zu entdecken. Die Chinesen – sowohl aus Taiwan als aus der Volksrepublik – machten in diesem Jahr einen weitaus selbstbewussteren Eindruck als noch 2016, als es nur zögerliche Aussagen zu LieferfĂ€higkeit und Preisen gab.
Gezeigt wurden verschiedenste Brennstoffzellen, insbesondere PEM in kleinen und großen Leistungsklassen, und auch unterschiedliche GrĂ¶ĂŸen von Wasserstoffspeichern: sowohl Metallhydridspeicher als auch pfiffige Wechselsysteme fĂŒr Roller oder RollstĂŒhle. Es gab außerdem kleine H2-Erzeugungseinheiten, sowohl mit Methanol als auch mittels Elektrolyse. DemgegenĂŒber war der Komponentenanteil fĂŒr Hochdruckanwendungen, der im letzten Jahr stark vertreten war, diesmal nicht so prĂ€sent.
Das Thema Power-to-Gas steht in Japan auf der Tagesordnung und wird vorangetrieben. Man verfĂŒgt zwar noch nicht ĂŒber die entsprechenden StromĂŒberschĂŒsse, da die Erneuerbare-Energien-Erzeuger nicht wirklich vorhanden sind, aber man plant diese Themen mit. In den riesigen Ausstellungsbereichen PV und Batterie war die „Hölle“ los: Menschen drĂ€ngten sich durch die GĂ€nge wie an den EingĂ€ngen zu einem Fußballspiel.
China will H2 und BZ
Es gibt viele, viele Erwartungen, wobei die japanischen Aussteller ĂŒberzeugt sind, dass die Technik nicht aufzuhalten ist. Auch China scheint diese Botschaft fĂŒr sich umzusetzen. Prof. Jin Liu (Tsing Innovation Capital) berichtete beispielsweise ĂŒber 300 H2-Busse, die in einem Zeitraum von zwei Jahren ausgeliefert werden sollen. Allerdings war unklar, wie denn die Logistik aussieht, um pro Station 100 Busse betanken zu können. Grund fĂŒr das große Interesse an BZ-Bussen ist laut Jin die â€žĂŒppige“ UnterstĂŒtzung des Staates, der zwei Drittel der Kosten fĂŒr einen Bus ĂŒbernimmt. China will diese Technologie – der Preis scheint erst mal keine Rolle zu spielen.
In der Keynote-Session wurde Pierre-Etienne Franc von Air Liquide, der Sprecher des Hydrogen Councils, zusĂ€tzlich ins Programm genommen. Er machte die Wichtigkeit der Technologie klar – allerdings blieb er sehr vage bezĂŒglich Zeitfenstern und Umsetzungsmaßnahmen. Dann berichtete Masaru Yamazumi vom japanischen Wirtschaftsministerium METI, dass Wasserstoff zunĂ€chst in Australien aus Braunkohle hergestellt und dann nach Japan verschifft werden soll, zumindest in der ersten Phase …
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Prof. Christian Mohrdieck von Daimler gab zunĂ€chst ein klares Statement ab: „Ja, Wasserstoff ist gut.“ – Aber nicht heute, nicht morgen, sondern irgendwann. Die Verbrennungsmotoren sind noch nicht ausgereizt, erst mal Hybridfahrzeuge, und dann wird man sehen, so sein Tenor. Daimler kommt zwar in diesem Jahr mit einer kleinen Anzahl an GLC-Exemplaren, dann folgte jedoch ein Aber, noch ein Aber und noch ein Aber – die Japaner verstanden und verließen in Scharen den Raum.
FĂŒr mich ein DĂ©jĂ -vu: Die Situation war wie 1992, als der damalige RWE-Vorstand erklĂ€rte, Solarmodule wĂŒrden immer ein Nischenprodukt bleiben und die Erneuerbaren niemals die bestehende Struktur gefĂ€hrden. Man kann und darf sich irren – die Konsequenzen fĂŒr Deutschland werden wieder dramatisch sein –, aber wo bleibt eigentlich der Mut zu dem vielen Geld, das nicht nur die einzelne Firma in Wasserstoff und Brennstoffzelle gesteckt hat, sondern alle BĂŒrger?
Es ist wirklich ein Elend, all diese Haderer, diese Mutlosigkeit zu beobachten. Deutschland, deine Unternehmen sind Verwalter, keine Erneuerer!
Probleme ansprechen
Wirklich interessante Informationen gab es im GesprĂ€ch mit Björn Siemonsen, NEL, und Kristian Vik, Secretary General Norwegian Hydrogen Forum: In Norwegen sind die Themen Schiffe und „emissionsfreie Touristik“ hochaktuell, deswegen sind fĂŒr empfindliche Habitate emissionsfreie Elektroschiffe (Sightseeing, FĂ€hren etc.) in Planung, Kreuzfahrtschiffe und Busse (Coaches) sollen emissionsfrei werden. Man hat durch Marktrecherchen erkannt, dass es eine „zahlungskrĂ€ftige Klientel“ gibt, die bereit ist, fĂŒr ihr grĂŒnes Gewissen deutlich tiefer in die Tasche zu greifen, wenn es wirklich nachhaltig ist. Die Idee, Elektrobusse mit einer Dieselheizung auszurĂŒsten, funktioniert natĂŒrlich nicht. Wie wĂ€re es stattdessen mit Fernbussen und Wasserstoff?
Ein wirklich leidiges Thema sind die …
oder, oder, oder 

Wo steht Deutschland?
Die GĂ€ste am Gemeinschaftsstand fragten hĂ€ufig danach, wo Deutschland steht und wo es hingehen wird. Es bekam viel Lob fĂŒr seine Energiewende, und es gab Nachfragen bezĂŒglich der nĂ€chsten Schritte. Chinesische Standbesucher waren eher auf Einkaufs- beziehungsweise Verkaufstour: Einkaufen wollten sie im Bereich Elektrofahrzeuge/Busse, verkaufen wollten sie ihre kleinen Brennstoffzellen und Komponenten. Die Zahlen, die man zu den chinesischen Busprojekten hörte, waren beeindruckend: Keine zehn Busse, nein, immer gleich ĂŒber oder mehrere Hundert. Fragen zur BefĂŒlllogistik wurden aber eher ausweichend beantwortet.
Alle StĂ€dte in China sind …
Rahmenbedingungen anpassen
Schönreden hilft nicht – die deutschen Automobilunternehmen mĂŒssen ihre wacklige Haltung bei BZ-Fahrzeugen ĂŒberdenken. Wo sind die FĂŒhrungspersonen, die diesen Schlingerkurs beenden? Die Politik muss sich fragen lassen: Wann setzt man den Damen und Herren – nach all dem vielen Geld – endlich die Ziele, die ja auch den Unternehmen Sicherheit geben? Vielleicht hilft ein Gesetz wie in Kalifornien mit einem Prozentsatz an emissionsfreien Fahrzeugen.
In Japan gibt es hohe Subventionen: Ein BZ-Fahrzeug kostet heute etwa 70.000 Mio. Euro, davon werden …
Bei China weiß man nicht genau, wie es wird. Korea ist ebenfalls klar aufgestellt und betreibt alle relevanten Technologieaspekte mit klarer Stringenz. In den USA sind die Bundesstaaten die treibenden KrĂ€fte. Wann und ob der Rest der Welt folgt, wird sich zeigen.
Deutschland verspielt Vorsprung
Europa entwickelt sich indes auseinander: In Frankreich gibt es eine Reihe von AktivitĂ€ten, Ă€hnlich in Großbritannien und natĂŒrlich stark ausgeprĂ€gt in Skandinavien. Mein persönlicher Eindruck ist, dass Deutschland seinen technologischen Vorsprung verspielt hat. Das Umschwenken aus einem erstarrenden System, mit Angst vor Fehlern und dem Glauben, die Erfahrung der anderen lasse sich ĂŒber „Nacht“ per Geld kaufen, wird dazu fĂŒhren, dass MobilitĂ€t mit Brennstoffzelle und Wasserstoff nicht mit Deutschland verbunden werden wird. Nach dieser Messe fĂŒrchte ich, dass ohne ein sehr schnelles und bewusstes Handeln der Standort Deutschland keine relevante Rolle in diesem neuen Technologiefeld mehr spielen wird.
Einzelne Unternehmen haben zwar Chancen, die breite Menge aber …
Vielleicht sehe ich auch zu schwarz – es wĂ€re mir recht –, doch eines habe ich aus Tokio mitgenommen: Wasserstoff und die damit verbundenen BZ-Technologien werden zu Produkten, werden langsam, aber stetig ihr Geld verdienen. Woher die Technologien kommen werden, ist fĂŒr mich auch fast schon entschieden: Sie werden von dort kommen, wo das Know-how ist im Bereich Komponentenfertigung und daraus folgend bei Systemen. Ob das Europa sein wird? Vielleicht zeigt die Hannover Messe, dass ich mich irre – das wĂŒrde ich in diesem Falle sehr gerne 

Autorin: Prof. Birgit Scheppat, Hochschule RheinMain

Quellenangabe:
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2 Kommentare

  1. Georg Steinegger

    Macht entlich mal vorwerts.Vorallem der Staat sollte sich hier einbringen.Es wird ja auch fĂŒr allerhand unsinniges Geld gesprochen oder Zinsloses Geld zur verfĂŒgung gestellt.Es wĂ€hre dringend unserer Umwelt zuliebe.

    Antworten
  2. Alexander Kögl

    Sie irren sich leider nicht.
    Europa, vor allem Deutschland hat noch nicht einmal den Dieselskandal angenommen. Die Abweichungen der Abgaswerte ist bei uns genauso vorhanden, wie in den USA. Bisher ist noch niemand zur Rechenschaft gezogen worden. Wir verschließen uns der RealitĂ€t und tun als wĂ€re nichts gewesen. Unserer Auto-Industrie wird es gehen wie Kodak. Die Herren wissen das, doch stecken sie den Kopf in den Sand (BMW hat eine Kooperation mit Toyota., sie erhalten deren BZ zum testen…) Es ist bereits zu spĂ€t, daher wollen sie noch möglichst lange abcashen und dann in der Versenkung vewrschwinden. Denn der Unsinn mit dem selbstfahrenden Fahrzeugen lenkt nur von dem wirklichen Herausforderungen fĂŒr unsere Gesellschaft ab.
    Klimawandel, Verabschiedung von den Kohlenwasserstoffen, Kampf dem Plastik.
    Japan ist seit 2004 als ganzer Staat dahinter den Wandel zum H2 zu vollziehen. UrsprĂŒnglich bis 2050 sollte ein Hauptteil umgestellt sein. Derzeit sieht es so aus, dass sie es 10 Jahre frĂŒher schaffen, die Entwicklungszyklen werden immer kĂŒrzer, es gibt bereits eine Zulieferungsindustrie, die auch alle zwei Jahre neue Produkte auf dem Markt bringt. Im Gegensatz dazu schaffen wir es nicht einmal die 50 Tankstellen aufzustellen.
    IN diesem Sinne,

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